Montag, 7. November 2011

Musik für Hyperaktive

Anfang der 90er konnte ich mit der Inselspielart des Hip Hop, "Britcore" genannt, nicht viel anfangen.
Nicht nur, daß die Bands (abgesehen von Hijack) den ihrer Meinung nach "kommerziellen" US- HipHop, den ich damals bevorzugte, als Feindbild ausgemacht hatten, auch versuchten sie sich damals musikalisch von ihm abzugrenzen: klapprige Beats, aber meist rasend schnell, dazu Noiseloops und allerlei elektronische Geräusche und ein ebenso schnelles Dauerstakkato an Raps, von denen man auch ohne Londoner Straßenslangeinschlag kein Wort verstanden hätte. Das Textblatt lesen war auch ein vergeblicher Vorsatz, weil man für die epischen Werke, die da meist in Miniaturschrift ins Booklet gedruckt waren, weder Zeit noch Lust hatte.
Es war einfach nur völlig nervtötend hyperaktives Gehoppel.

Nun, da Britcore meines Wissens schon etliche Jahre mausetot ist (obwohl es natürlich einiges gab, was ähnlich klang, aber ohne die Attitüde jener Bands), kaufte ich mir aus einer Laune heraus vor einiger Zeit im Second- Hand- Laden "Patriot Games" von Gunshot, die bereits 1991 oder 92 veröffentlicht worden war, und bin seitdem begeistert... was dazu führt, daß ich seit zwei Tagen wieder einen Rappel habe und mir jeden Britcoretrack anhöre, den ich im Internet finden kann.
Normalerweise kann man Menschen damit in Minutenschnelle in den Wahnsinn treiben.

Dabei waren das- mit einigen Jahren Abstand betrachtet- die Guten: ausnahmslos Independent in Verkauf und Vertrieb, unkommerziell, ohne Berührungsängste zu anderen Richtungen (Gunshot kollaborierten beispielsweise mit Napalm Death und trugen in Videos oder bei Auftritten gerne mal deren T- Shirts. Oder Mützen von Bolt Thrower, was ich noch bemerkenswerter finde), und so nahe wie in diesen zwei, drei Jahren kamen sich dermaßen unterschiedliche Subkulturen wie Punk/Extremmetal und Hip Hop wahrscheinlich nie wieder.

Ich lasse mich gerade davon total mitreißen... sollte es da jemals ein Revival mit frischen jungen Bands geben, wäre ich sofort aufmerksam dabei, egal wie alt ich bis dahin bin.
Solange da aber nichts kommt, hält man sich an die Klassiker: Gunshot, Silver Bullet, Blade (beispielsweise) oder die etwas zugänglicheren (weil mit Ice-T's Rhyme Syndicate kooperierenden) Hijack.
Auf jeden Fall ist das mit 20 Jahren auf dem Buckel immer noch spannender als vieles, was heutzutage am Start ist.

Schade, daß ich 38 Jahre werden mußte, um das zu entdecken... und toll, daß ich mit 38 nochmal soviel mir bisher unbekannte Musik entdecke, die mir Spaß macht.

P.S.: für sachdienliche Hinweise aus Leserkreisen bin ich natürlich auch immer ein dankbarer Adressat.

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