Dienstag, 25. Juni 2019

Jubiläum 1: der 500. Beitrag

"Republishing ist bei den Großen fester Bestandteil der Contentstrategie. Im folgenden Artikel erfährst du, warum es auch kleine Blogger in ihre Strategie einbinden sollten."

Danke, XING. Ich bin so ein kleiner Blogger, nunmehr schon seit fast zehn Jahren (ausstehendes Jubiläum Nummer 2), und der Grund dafür, daß ich im Konzert der Großen nicht mal die Triangel spielen darf, dürfte meinen geschätzten Lesern auch recht schnell einleuchten.
Mag es meine nach wie vor nanga - parbat - hohe, unüberwindliche Abneigung gegen solch neoliberales Hipstersprech sein oder auch mein grundsätzlicher Widerwille, mit meinem Blog unter Zuhilfenahme aller erdenklichen Mittel Geld verdienen zu wollen und mich dabei soweit zu verflüssigen, daß mich von irgendwelchen Influenceramöben lediglich nur eine Membran trennt (die vermutlich aus der Feststellung besteht, daß ich - wenn ich es schon nicht schaffe, meine Intelligenz unter einem Überhang aus völliger Oberflächlichkeit zu verstecken - für einen Influencer definitiv zu scheiße aussehe).
Momentan ist der Stand, daß ich - um einiges häufiger noch als vor ein oder zwei Jahren, als der Blog nahezu komatös daniederlag - sehr gerne wieder in die Tasten greife, wenn auch unregelmäßig.
Genauso verhalten sich auch die Zugriffszahlen: hatte ich anfangs täglich 12 - 20 Zugriffe, formieren sich bei neuen Beiträgen mittlerweile Zugriffstsunamis, die binnen weniger Stunden ins Dreistellige schwappen ... nur, um dann so schnell wieder zu verschwinden, wie sie gekommen sind.
Danach dümpelt der Blog auf Notstromaggregat dahin, bis ich mal wieder Laune habe, irgendwas unters lesende Volk zu streuen.
Ich habe mich daran gewöhnt, und mittlerweile macht mir das wieder ziemlichen Spaß.
Nach wie vor hätte ich große Lust dazu, mit einigen meiner Leser direkt zu kommunizieren, und zwar hier und nicht auf Facebook.
Aber sämtliche Appelle, bitte vermehrt die Kommentarfunktion im Blog zu nutzen, verröhrten bislang unerwidert im Orkus.

Kleinlich möchte ich dennoch nicht sein: liebe unbekannte Leser und vor allem Stammleser, sie sind der Grund dafür, warum dieser Beitrag die stolze Nummer 500 tragen darf.
Dafür zu diesem besonderen Anlaß einen herzlichen Dank für die Motivation, trotz gelegentlicher Lustlosigkeit immer und immer weiterzumachen.

Montag, 27. Mai 2019

Zuschlagen! Immer nur zuschlagen!

Manche Leute aus meinem Freundeskreis können mit Martin von Arndts Debüt "Ego Shooter" herzlich wenig anfangen.
Ich habe es - nachdem ich den schmalen Band bei seiner Lesung kürzlich im KOHI endlich erstanden habe - angelesen und fand es stilistisch dermaßen interessant, daß ich die Negativkritik nicht nur nicht nachvollziehen kann, sondern es noch dazu einpackte und zwecks Kurzweil auf eine Zugfahrt mitnahm. Denn meine geschätzte Gattin und ich wollten am Samstag zum 76. Geburtstag meines Schwiegervaters nach Oppenheim aufbrechen.
Wer einmal Gast im Hause Turini war, weiß auch, daß dieser Anlaß noch lange nicht so trostfern sein konnte, wie er sich anhören mag, wird man doch regelmäßig bis knapp unter den Deckel mit italienischen Speisen, deutschem Bier, Grappa und Espresso aufgefüllt. Insofern freute ich mich auf eine ungestörte Lektüre im ICE - Ruhebereich samt anschließender hemmungsloser Völlerei inklusive Umfallen irgendwann nachts um zwei.
Zumindest aus dem ersten Teil wurde bis zum Umstieg in Mannheim nix.
Samstag. Junggesellenabschiedstag.
Eine ausgesucht ekle Runde stand direkt neben dem Ruheabteil und gab aufdringlich laut grunzdummes Liedgut mit ordentlich Schmiß zum besten, das einen mal wieder an dem Entschluß mancher Frauen verzweifeln ließ, die keinerlei Hemmungen haben, solch einen Abschaum zu ehelichen.
Neben allerlei KSC - Klassikern straight outta Wildpark wurde auch als Gipfel der Heiterkeit der komplette "Donaustrand" mit allen gefühlt 18 Strophen ausgepackt, begleitet von hahaha und höhöhö. Und nachdem man sich noch gegenseitig versichert hat, wie sehr man Pfälzer und Schwaben haßt, kam man noch überein, daß Mannheimer doch ganz cool wären, denn die sind nix von beidem, sondern Kurpfälzer.
Kurpfälzer taugen auch nichts mehr, mußte ich doch feststellen, als wir mitsamt der kompletten Bagage den Zug verließen, nachdem ich diesen Teil der Fahrt mit dem inneren Abspulen von psychologisch äußerst bedenklichen Gewalt - und Tötungsphantasien verbracht hatte.
Es hätte doch freundlicherweise wenigstens ein Rudel Waldhof - Hools bereitstehen können, um dieses Gelumpe gleich auf dem Bahnsteig windelweich zu prügeln.

Aber wenn man die Barackler mal bräuchte, sind sie nicht da.

Freitag, 17. Mai 2019

Mal wieder Wiglaf Droste

Was gingen Sie mir in den letzten Jahren nicht auf den Sack.
Je mehr ich mich mit Ihrem Oeuvre beschäftigte, desto mehr fand ich Inhalte, denen ich nicht mehr länger folgen wollte; und da das so war, begann ich in meinem Blog gegen Sie zu sticheln.
Nicht, daß ich gedacht hätte, jemals etwas mit Ihnen zu tun zu haben: so bekannt bin ich nun doch nicht, daß ich davon ausgegangen wäre, daß wir uns jemals medial irgendwelche auf die jeweilige Gegenseite gemünzte Polemiken um die Ohren hauen würden.
Erwartungsgemäß haben Sie meine Existenz offenbar nicht zur Kenntnis genommen, was ich bedauerlich finde; und nicht nur das, Sie haben auch noch die Unverfrorenheit besessen, nun einfach ohne großes Gewese zu sterben und mir somit zeitlebens die Chance zu nehmen, mich solange an Ihnen abzuarbeiten, bis Sie verdammt nochmal darauf reagieren.
Ich behalte mir vor, das gerade mal doppelt unfair zu finden.
Daß Sie - einen nicht unerheblichen Teil Ihrer Energie darauf verschwendend, sich über Dialektsprecher lustig zu machen - nun ausgerechnet in Oberfranken wohnend diesen Planeten verlassen haben, ist fast schon ein abschließender Stinkefinger in meine Richtung.
Oder wäre es gewesen, hätten wir jemals die Gelegenheit gehabt, in irgendeiner Form die Füller bzw. Tastaturen zu kreuzen.
Es hätte mit Sicherheit vor Ihnen geschätzt 17 500 andere erwischen können, um die es nicht annähernd so schade gewesen wäre; denn daß ich über manche Polemik genauso herzhaft gelacht habe wie ich mich über andere ärgerte, bleibt unbestritten.
Es ist vielleicht ein Riesenkompliment, wenn man als erklärter Gegner dem Gesamtwerk seines Kombattanten trotzdem Respekt zollt und dessen Dahinscheiden aufrichtig bedauert, auch wenn der Herausgeforderte mindestens sieben Ligen zu weit oben gespielt hat.
Das sei hiermit auf diesem Weg geschehen, auch wenn es Sie jetzt bestimmt nicht mehr interessiert als zu Lebzeiten.

Ruhen Sie in Frieden. Mit einer knappen Verbeugung, Ihr alter Gegner unbekannterweise

Stefan Gaffory

Mittwoch, 8. Mai 2019

Das Ende der Euphemismen - Grundsätzliches zum 8. Mai

Der 8. Mai 1945 war der Tag der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands.
In den letzten Jahren hat sich medial die Sprachregelung eingebürgert, Deutschland sei von den Alliierten und Russen nicht erobert, sondern von der Naziherrschaft befreit worden.
Natürlich war der 8. Mai ein Tag der Befreiung: für Juden, andere Verfolgte des Naziregimes und KZ - Häftlinge.
Für die von den Deutschen besetzten Länder in Europa, die nun sichergehen konnten, daß endlich Ruhe herrscht und es nirgendwo mehr Kampfhandlungen geben wird.
Für Partisanen und andere Widerstandskämpfer, die nun nicht mehr um ihr Leben fürchten mußten.
Und für die Deutschen? Die Städte waren zu Klump gebombt, das Land stand unter Fremdherrschaft; die Konsequenz des Sturms, den sie selbst entfesselt hatten.
Ich habe das Glück, nur ein Paar deutsche Großeltern gehabt zu haben, die zumindest niemals NSDAP - Mitglieder waren, sondern einfach gestrickt und apolitisch. Mein Großvater war zwar bei der Wehrmacht und kehrte kriegsversehrt zurück, war aber zeitlebens ein gebrochener Mann, der niemals damit klarkam, bei was er da mitgemacht hatte.
Inwieweit er das Regime stützte und inwiefern ihm das bewußt war, diese Antworten nahm er mit ins Grab. Aber hier soll es nicht um die Rechtfertigung oder gar Entschuldung meiner Großeltern gehen, die ich aufgrund fehlenden biographischen Wissens nicht guten Gewissens leisten könnte, auch wenn ich größtenteils bei ihnen aufwuchs und ein inniges Verhältnis zu meinem Großvater hatte.
Gehen wir stattdessen einfach einmal vom Großteil der Deutschen aus:
den Deutschen war das Naziregime nicht ohne ihr Zutun als Last aufgebürdet worden; sie hatten es nicht nur installiert und jede fragwürdige Entscheidung mitgetragen, sie haben es auch mit blindem Fanatismus bis zum bitteren Ende verteidigt. Sie haben nach dem Krieg alte Seilschaften am Leben erhalten, haben die Augen vor den Verbrechen verschlossen, wollten nichts gewußt haben.
Diejenigen, die das nicht getan hatten, waren längst tot, im KZ oder im Exil. Manche, die sich nicht mit dem Regime identifizierten und nur mittaten, weil sie irgendwann keine Chance mehr sahen, dem Ganzen zu entkommen, waren die Minderheit, auch wenn das viele nach dem Krieg gerne anders gehabt hätten.
Sie haben ihre einmal kultivierte politische Einstellung behalten ohne sie zu hinterfragen, haben ehemalige Nazischergen wieder in Amt und Würden gehievt und Protestler dagegen sowie Nazijäger verfemt, verachtet und in ihrer Arbeit behindert.
Nein, Deutschland wurde nicht befreit, sondern zerstört und erobert, denn anders ging es nicht.
Und das allgemeine Wort von der "Befreiung Deutschlands von der Naziherrschaft"- so gut es auch gemeint ist, um den Alliierten ein Höchstmaß an Idealismus zuzusprechen, da sich "erobert" so falsch, fast schon nach Angriffskrieg anhört - ist in meinen Augen nur ein Euphemismus, der diese schlichte Wahrheit verschleiert.

Die Deutschen wurden nicht von der Naziherrschaft befreit. Sie wurde ihnen weggenommen.

Ich stalkte Jürgen Klopp (zumindest fast)

Laut "Wikipedia" muß es 1995 gewesen sein.
Mike Krüger hatte eine Spielshow, an deren Namen ich mich keinen Millimeter mehr erinnere und die rasch abgesetzt wurde; laut erwähnter Quelle hatte er eine kurzlebige Sendung namens "Verlieren Sie Millionen", also gehe ich davon aus, daß es die gewesen sein muß.
Ich weiß nicht, warum ich beim Zappen an bei der weithin unerträglichen Segelnase hängenblieb.
Auf jeden Fall wohnte ich damals noch ein paar Monate bei meinen Eltern und hatte im Dorf an dem Abend nichts besseres zu tun, als mir derartigen Scheißdreck zu Gemüte zu führen.
Einer der Kandidaten hieß Jürgen und gewann den Quatsch am Ende auch noch.
Ich fand Jürgen nicht unsympathisch, und im Lauf der Sendung stellte sich heraus, daß er Fußballer bei Mainz 05 war.
Also blätterte ich im "kicker - Sonderheft" und sieh an: da war er. Jürgen Klopp.
Irgendwie fühlte ich mich dazu veranlaßt, ihn fortan im Auge zu behalten. Als Mainz 05 plötzlich einen Interimscoach suchte, dachte ich mir, daß es spannend wäre, wenn "Jürgen" den Job übernehmen würde, und das tat er. Der Rest ist bekannt.
Gestern Abend saß ich in meiner Stammkneipe MILANO in der Karlsruher Südstadt und schaute mir - da gerade Strohwitwer - inmitten anderer anfangs neutraler Zuschauer das Champions - League - Halbfinale Liverpool - Barcelona an. Die Reds hatten das Hinspiel 0:3 verloren und waren eigentlich tot wie ein paar Socken, zumal gegen eine Weltklassemannschaft wie die Katalanen.
Spätestens beim 2:0 kippte die Stimmung in Richtung Liverpool, und nach dem Abpfiff beim Stand von 4:0 feierte die ganze Kneipe den FC Liverpool ab, als wäre es der KSC, und das Bier floß in Strömen.
Jedem war in dem Moment bewußt, live bei einem historischen Match vor dem TV gesessen zu haben: etwas, was man nur als Fußballfan nachvollziehen kann, samt dem sich danach einstellenden erhabenen Gefühl.
Ich hätte mir vor fast 25 Jahren beim besten Willen nicht vorstellen können, daß Mike - Krüger - Kandidat Jürgen mittlerweile in einem Teil Großbritanniens als lebender Halbgott verehrt wird und als internationaler Spitzentrainer gilt.
Aber manche Wendungen im Leben sind schon sehr unterhaltsam; auch die, daß ich mich eines langweiligen Abends wegen umso mehr für ihn freue, obwohl ich ihn weder persönlich kenne, noch Mainz 05 und Borussia Dortmund ausstehen kann und mir seine andauernde Werbepräsenz eigentlich auf den Sack gehen müßte.
Aber Stalker sind halt unberechenbar.

Sonntag, 5. Mai 2019

Vergewaltigung zum Mitgrölen

Wer kennt es nicht, das Lied vom "Donaustrand"?
Schon in meiner frühen Schulzeit zirkulierte das unter Rotten präpubertärer Jungs; warum das vor einiger Zeit aus dem allertiefsten Winkel meines Gehirns, in dem vor lauter Schimmel schon die Tapeten von den Wänden fallen, wieder grunzend und sabbernd in mein Stammhirn kroch, werde ich Ihnen noch erläutern.
Erstaunlicherweise gibt die Suchmaschine doch allerhand dazu preis: so wird das Stück tatsächlich unter den "alten, derberotischen Volksliedern" gelistet, und soll seinen Ursprung in der Soldateska sowie Studentenverbindungen haben, also zwei Männerbünde, die schon seit jeher einen beachtlichen Hang zu Subtilitäten aufwiesen. So grölte man denn mittel - bis schwerstalkoholisiert in geselliger Runde diesen erlesenen Text:

"Einst ging ich am Strande der Donau entlang
[bitte nach jeder Zeile ein "Oooh oh lalala" dazudenken]
ein schlafendes Mädel am Ufer ich fand

Sie hatte die Beine weit von sich gestreckt
ihr schneeweißer Busen war halb nur bedeckt

Ich machte mich über die Schlafende her
sie hörte das Rauschen der Donau nicht mehr"

Den gar lustigen Rest dieses Textes möchte ich Ihnen ersparen; sollten sie männlich und über 30 sein dürften Sie ihn eh kennen und bestimmt auch - wie ich - mit 12 oder 13 im Jugendfußballverein oder auf Klassenfahrt verschämt kichernd mit Klassenkameraden angestimmt haben.
Ich erwähnte es andernorts schon einmal: ich bin in einer Machokultur aufgewachsen, die größtenteils männerbündisch geprägt war (und es auch teilweise heute noch ist), und ich werde mich nicht soweit verbiegen, daß ich dies unter reumütigem Bekenntnisgefasel bedauern werde, denn vieles davon brachte einiges an Spaß in mein Leben.
Dennoch bedeutet Stillstand den Tod; manches sollten auch die rustikaleren unter meinen Geschlechtsgenossen (denen ich mich im Zweifelsfall eher verbunden fühle als irgendwelchen Sanft - und Flachquatschern) ernsthaft hinterfragen.
Zum Beispiel, ob wir es wirklich möchten, daß solch ein textlicher Abschaum, der nichts anderes ist als eine extrem ekelhafte Vergewaltigungsphantasie, weiterhin von Generation zu Generation weitergegeben wird. Und wir es somit gleichsam in kauf nehmen, daß immer wieder 12 - 15jährige diesen Dreck krähen, bis mal wieder einer dabei ist, der "provozierende" Kleidung als Aufforderung versteht, ungebeten und gegen jeden Widerstand seines weiblichen Gegenübers sein Rohr verlegen zu wollen.
Es mag ein altes Volkslied sein, aber das sind einige Soldatenlieder der Wehrmacht mit Sicherheit auch; trotzdem würde es niemandem, der noch alle Tassen im Schrank hat, einfallen, diese zu einer Ballermann - 6 - Version umzuarbeiten und ebenda auf der Bühne zu schmettern.
Das ficht aber einen Mikrocephalus wie Mickie Krause nicht an, der genau dies mit dem "Donaustrand" gemacht hat.
Genausowenig juckt das manchmal in Karlsruhe sichtbares Jungstudentenvolk. Da wird dann - das Hemd sauber in die gegürtete Hose gesteckt - in Deichmann - Schuhen nach dem geschätzten Genuß von drei Bier schwankend tapfer im Quartett dieses Lied angestimmt und dazu dreckig gegrinst, um der Umwelt zu signalisieren, was für ein wilder Molch man ist und wieviel Spaß man gerade hat. Vor allem, wenn man sein Lebtag unbedeckte schneeweiße Busen nur auf Red Tube beim Dauerwichsen vor dem Laptop zu Gesicht bekommt, außer eine Studienkollegin ist langweilig und verzweifelt genug, sich zu erbarmen. Dieser Männergesangsabend fand tatsächlich vor kurzemam Europaplatz statt, was mich zum Schreiben dieses Beitrags bewegte.
Beiden genannten Erscheinungsformen des Interpretendaseins ist eines gemein: als halbwegs denkender Mann (ja: MANN) wecken sie in einem nur den Wunsch, ihnen mit einem Stück Kantholz umgehend die Scheiße herauszuprügeln.
Es gibt tatsächlich Männer, die sich ihrer Männlichkeit bewußt sind, die aber mit solch gedankenfreien Troglodyten wirklich nicht auf einer Stufe stehen wollen.
Geschweige denn, sich irgendwie den Anschein geben möchten, daß sie derartiges noch "lustig" fänden.

R.I.P. "Donaustrand". Mögest du dort verrotten und dem Kollektivvergessen anheimfallen, wo hoffentlich noch mehr von deiner Machart vermodert.


Dienstag, 2. April 2019

Wie Joe Jackson meinen Tag rettete

Am geschichtsträchtigen 01. April machte ich mich also nach München auf, um das Konzert von Joe Jackson in der Muffathalle zu sehen.
Es war alles geregelt: ich hatte ein ICE - Sparticket, mit dem ich am 02. April um 20 Uhr 44 Uhr wieder nach Karlsruhe zurückreisen wollte, in der Hoffnung, vorher am Nachmittag in München noch Freunde zu treffen, sowie eine telephonische Hotelreservierung für die Nacht.
Das Erste, was diesen Tag zu einer nervtötenden Angelegenheit machte, war die unvermeidliche Konfrontation mit meiner eigenen Blödheit.
Stuttgart Hbf, Gleis 15.
Da sollte ich in den ICE überwechseln. Es wartete auch bereits ein Zug nach München, als ich plötzlich per Lautsprecheransage sowie von einem adipösen jungen Mann aufgefordert wurde, unverzüglich einzusteigen. Irritiert leistete ich dem Folge, nur um festzustellen, daß ich mich in einem IC befand.
"Kein Problem", meinte der adipöse junge Molch, "wir foahrn jo eh noch Min - chen. Da san's scho richtig."
Leider hatte mir der adipöse junge Vollidiot die nicht unerhebliche Information unterschlagen, daß der IC nicht in München am Hbf halten würde, so daß ich nach einem Zwischenstop im München - Ost plötzlich überraschenderweise in Richtung Rosenheim unterwegs war.
Sollte jemals jemand den unheilvollen Drang verspüren, in Rosenheim am Hauptbahnhof ohne Not auszusteigen: tun Sie's nicht. An diesem Ort ist kein Trost.
Insgeheim den Bediensteten verfluchend und mich in allerlei Rachephantasien suhlend, die samt und sonders etwas mit Heinrich Pommerenke und seiner Angewohnheit, Leute aus dem fahrenden Zug zu werfen zu tun hatten (nur daß die bedauernswerte Frau in der realen Begebenheit durch den weniger bedauernswerten adipösen jungen Blödmann ersetzt wurde), stieg ich also dort in die Bahn zurück.
Zum Glück war ich sehr früh unterwegs; statt um 15 Uhr betrat ich erst um 16 Uhr 30 das Hotel, in dem ich morgens telephonisch ein Zimmer für 65 Tacken reserviert hatte, was aber auch egal war. Denn ich erfuhr dort, daß ebenda angeblich niemand jemals meinen Namen gehört hatte. Auch der junge Mann, der meine Reservierung entgegen genommen hatte, existierte dort angeblich nicht.
Ich habe ja keine Ahnung, ob das Hotel Amba in der Arnulfstraße 50 Meter vom Hauptbahnhof weg in einem Paralleluniversum noch ein identisches Ebenbild hat, in dem junge Männer meine Reservierungen entgegennehmen, es muß jedoch der Fall sein, denn in dem vorhandenen hatte dies offenbar nicht stattgefunden.
Stattdessen wurde mir ein Ersatz für fluffige 80 Euro angeboten ("das ist ein großes Zimmer"), also genau das, was man für einen ca. zehnstündigen Aufenthalt braucht.
Kurz gesagt: ich hatte dann dermaßen keinen Bock mehr auf eine Minute München mehr als nötig, daß ich mir postwendend ein Rückreiseticket für die Nacht kaufte. Die 35 Euro zusätzliche Kosten nahm ich gerne in Kauf, anstatt den mindestens doppelten Betrag für eine Übernachtung zu berappen, auch wenn dadurch meine bereits gebuchte Rückfahrt hinfällig wurde.
Nach dem zweifelhaften Genuß einer Wurst der Marke "Pfefferbeißer" an einem Imbißstand (die ich heißhungrig herunterwürgte, obwohl sie wirklich aus Leder gefertigt war und ich wie ein Hund auf einem Kauknochen darauf herummalmen mußte ... aber der verarbeitete Leguan sollte sein Leben nicht umsonst gelassen haben) machte ich mich etwas frisch (will heißen: ich putzte mir in einer "Rail & Fresh" - Klokabine die Zähne, bevor ich vom Selbstekel heimgesucht wurde) und packte meinen Rucksack in ein Gepäckschließfach. Nun begann endlich der gute Teil des Tages.

Die Muffathalle,
ein sehr angenehmer und übersichtlicher Veranstaltungsort, war ausverkauft. Zu meiner Freude registrierte ich, daß sie nicht bestuhlt war.
Die Zuhörerschaft entsprach genau meiner Vorstellung: Bildungsbürgerpublikum meines Alters (oder darüber), das während des Konzerts größtenteils einen Bewegungsradius hatte, der auf einen Tortenboden gepaßt hätte. Denn allzu wild wollte man sich doch nicht gebärden.
Da ich wie angekündigt - obwohl gleichfalls geschniegelt und gebügelt - zumindest meinen neuen SHEER - TERROR - Kapuzenpulli angezogen hatte, erntete ich mehr als einen irritierten Blick, was mir aber egal war. Warum soll ich mich auf solchen Konzerten auf eine Mimikry einlassen, die für mich auch ansonsten nicht infrage kommt?

Galt Joe Jackson früher als arroganter Kotzbrocken, der bei Konzerten dem Hörensagen nach gerne mal komplette Stille während des Vortrags einforderte, schien er nun das umsetzen zu wollen, was ich in einem Interview mit ihm gelesen hatte: endlich den Kontakt zum Publikum zu suchen und mit ihm sein vierzigjähriges Bühnenjubiläum angemessen zu feiern.
Das tat er auch zwei Stunden und zwanzig Minuten lang, mit guter Beleuchtung und ebenso perfektem Sound. Auch wenn die Menge größtenteils statisch war, tat sie ihre Begeisterung in teilweise sehr lauten spontanen Ausbrüchen kund, und man merkte, wie sich der Interpret samt seiner Begleitband (die angeblich die vom "Look Sharp!" - Debüt war) anstecken ließ.
Joe Jackson gab sich extrem aufgeräumt, kommunizierte sehr viel mit den Zuschauern und ging sogar auf einzelne Zwischenrufer ein, Dazu kreierte er Momente purer Magie, die an Intensität dem Nick - Cave - Konzert in Frankfurt, das ich mit Frau Turini besucht hatte, in nichts nachstanden.
Neben einigen Songs vom neuen Album "Fool" streute er immer wieder Klassiker ein, so daß ich (bis auf "Chinatown" und "Happy Ending") alles zu hören bekam, was ich mir im Vorfeld gewünscht hatte: "One More Time", "Is She Really Going Out With Him", "Got The Time", "Another World",  "Real Men", "You Can't Get What You Want..." und vieles mehr, ich könnte noch einige Beiträge der Playlist posten, doch ich will mir die ellenlange Aufzählung sparen, denn er schüttelte eine erstaunliche Menge Songs aus dem Jackettärmel.
Dabei fokussierte er sich hauptsächlich auf ein Album pro Dekade, wobei die strenge Aufteilung im Lauf des Auftritts immer mehr aufweichte, so daß neben "Look Sharp!", "Night And Day", "Laughter And Lust" (zum Glück nur mit einem Song, dem käsigen "Stranger Than Fiction" ... erraten, ich mag die Platte nicht) und "Rain" auch Stücke von "Big World" und "Fast Forward" zur Geltung kamen.
Für die Zugabe hatte er sich ein besonderes Gimmick ausgedacht: ein KORG Baujahr 1979 Drumcomputer wurde auf die Bühne geschafft, um "Steppin' Out" exakt so zu spielen, wie es sich auf Platte anhört, auch wenn das laut Joe Jackson etwas Aufwand erforderte, da er das Stück im Alleingang aufgenommen hatte und somit jedem in der Band ein Instrumentalpart zugewiesen werden mußte.
Bei dem Stück war es dann auch aus mit meiner Selbstbeherrschung, da ich mit dem Lied soviele Kindheitserinnerungen verknüpfe, daß ich gerührt ein paar Tränchen verdrücken mußte. Zum Glück war es im Saal gerade dunkel.
Da Joe Jackson pünktlich um 20 Uhr angefangen hatte, verließ ich die Muffathalle um 22 Uhr 30. Ich war wildschweinmäßig verschwitzt, da die Temperatur inmitten solch einer Menschenmenge schleichend konstant auf Saunahöhe gestiegen war und erreichte problemlos meinen ICE, um 03 Uhr 33 glücklich und nachhaltig beeindruckt wieder zuhause einzulaufen.
Was kann man von einem Konzert besseres sagen, als dankbar dafür zu sein, daß man es miterleben durfte?