Sonntag, 6. November 2011

Erinnerungen: Waschmaschinen und Menschen

Heute war ich in Zeiskam spazieren, dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin... etwas, was ich schon seit Jahren nicht mehr gemacht habe.
Langsam kann ich wieder längere Strecken zu Fuß gehen, auch wenn ich immer noch Probleme habe, beim Laufen meine Bewegungen zu koordinieren. Das führt dazu, daß etwa ein nahe an einer Hauswand parkendes Auto ein Problem darstellt, wenn ich zwischen beidem durchlaufen muß... eine Situation, vergleichbar mit der, auf einem schmalen Baustellenabschnitt im Auto links einen rechts fahrenden LKW zu überholen, während die Absperrung auf der Fahrerseite einem so nahe erscheint, daß man denkt, man könne nie vorbeiziehen, ohne irgendwo hängenzubleiben.
Aber egal. Ich durchwanderte also ein Geflecht von Gassen, bei denen ich mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern konnte, wo sie eigentlich hinführen.
War ich dann jedoch am Ende angelangt, landete ich immer an einem Ort, der Erinnerungen hervorgerufen hat, ähnlich dem Proust'schen Madeleine in der "Suche nach der verlorenen Zeit".
Es waren nicht nur positive Erinnerungen; ein Amalgam aus früheren Bäckereien, in welchen ich mir nach der Schule zusammen mit einem Freund Biene- Maja- Figuren aus Fruchtgummi und Wassereis für 25 Pfennige gekauft habe und Orten, an denem einem nach dem Sportunterricht oder dem Fußballtraining von irgendwelchen zwei oder drei Jahre älteren Dorfdumbos aufgelauert wurde, die einen dann unter allerlei hanebüchenen Begründungen (oder keinen, wenn sie einen schlechten Tag hatten) durch die Gegend scheuchten. Oder verprügelten. Oder auf irgendeine sonstige Weise zurichteten, zum Beispiel mit Sand, Schlamm oder Fallobst bewarfen, so daß man sich - die morgens frisch von der Mutter bereitgelegten Klamotten ein Bild des Jammers- fast nicht mehr nach Hause traute, weil die Eltern oft genug davon ausgingen, daß man die Sauerei selbst verursacht hatte.
Vor allem, wenn man ansonsten vor wenig zurückschreckte: auf Baustellen herumklettern. An leeren Pferdekoppeln mit mitgebrachten Streichhölzern Altpapier und morsches Holz anzünden, davor durch ein Meer von Brennesseln watend um eine Stelle zu erreichen, an der man vom Dorf aus die Flammen nicht sehen konnte.
Mit Schulkameraden Fahrradwettrennen auf holprigen Feldwegen durchführen, dabei natürlich ab und zu auf die Schnauze fallen oder das klapprige Damenrad, das ich fuhr, sonstwie schinden.
Erkundungsgänge an Bachläufen, um nach einem Moment der Unachtsamkeit in voller Bekleidung plötzlich wadentief im Wasser zu stehen.
Und ich hatte bestimmt fünf Jahre am Stück durchgehend aufgeschürfte Knie oder Ellbogen. Oder beides.

Wenn ich so zurückblicke, finde ich diese Erinnerungen durchaus interessant. Aber es ist keine Wehmut dabei. Ich bin froh, daß ich kein Kind mehr bin und daß mir Regungen kindlichen Gemüts bei mir selbst zumeist fremd sind. Ich weiß, daß das viele Erwachsene für sich anders sehen... dann frage ich mich allerdings: warum?
Obwohl, eine Macke von damals ist bei mir hängengeblieben, so daß ich sie heute noch kindlicher Prägung zuordnen kann: kaum im Krabbelalter, liebte ich es immer, der Waschmaschine zuzusehen, wenn sie meine Mutter vorher mit Buntwäsche befüllt hatte.
Auch heute noch, wenn ich selbst wasche, kann ich den Blick kaum vom Sichtfenster abwenden, bis sich die Trommel einige Male gedreht hat... wäre glaube ich eine gute Methode, um mich zu hypnotisieren.

Immerhin: mittlerweile habe ich meinen Frieden mit dem Dorf gemacht. Daß das nicht immer so war, ist kein großes Geheimnis.
Allerdings: leben möchte ich hier nie mehr. Und diese zwei Wochen jetzt reichen mir wieder für die nächsten zehn Jahre.

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