Montag, 21. November 2011

Fast 100 Jahre Todeskitsch

Am 14. April 1912 lief die "Titanic" auf einen Eisberg und sank. Dabei starben 1513 Menschen.

Das ist nun fast 100 Jahre her, und es steht zu erwarten, daß die Medien dieses Scheißjubiläum genauso geschmacksbefreit ausschlachten werden, wie es scheinbar seit Jahr und Tag zum guten Ton gehört.

Eigentlich sollte man annehmen, daß solch eine Katastrophe nicht dazu taugt, verkitscht zu werden.
Doch scheinbar hat man sich in dem Fall stillschweigend auf eine gewinnbringende Form der Leichenfledderei geeinigt, bei der niemand auch nur ansatzweise auf die Idee kommt, diese Inflationierung menschlichen Elends zur Unterhaltung von "Goldenes- Blatt"- Leserinnen anzuprangern.
Mit Sicherheit spielt der zeitliche Abstand eine Rolle. Aber während das "Hindenburg"- Unglück ebenfalls einen altersweisen Zwickelbart trägt, ohne auch nur ansatzweise ähnlich Einzug in die Unterhaltungsindustrie gefunden zu haben, kann sich jeder auf die "Titanic" als sein liebstes Unglück einigen. Und auch, wenn mittlerweile keiner mehr lebt, der damit direkt zu tun hatte, was einem eine Art Narrenfreiheit zu geben scheint,frage ich mich, ob es wirklich niemandem auffällt, wie menschenverachtend nun schon seit langer Zeit mit diesem Thema umgegangen wird.

Nicht nur, daß es als Kulisse für einen- wenn auch perfekt gemachten- Hollywoodschmachtschinken herhalten muß, bei dem einen das Schicksal zweier fiktiver Charaktere gefälligst mehr berühren soll als der Umstand, daß 1500 Menschen unter teils elenden Umständen ersoffen wie Ratten; im Radio wurde die Ausstrahlung eines früheren Titanicfilms auf PRO 7 einmal damit beworben, daß ein Mann mit zittriger Stimme kundtat, er säße gerade in einer Wanne mit Eiswasser, um sich schonmal "darauf einzustimmen".
Was hätte er bei der Ausstrahlung von "Holocaust" gemacht? Den Gashahn aufgedreht?
Jedenfalls hat es mich bereits als Jugendlichen gewundert, daß derartiger Zynismus unbemerkt blieb, beziehungsweise einfach hingenommen wurde.

Und um dem ganzen Scheiß noch eins draufzusetzen, darf bzw. durfte DAS natürlich auch nicht fehlen: "Die Geschichte der Titanic wurde auch in einem Broadway-Musical unter dem Titel Titanic – Das Musical wiedergegeben, das von 1997 bis 2000 lief. In den Jahren 2000 und 2001 wurde das Musical in den Niederlanden aufgeführt, und 2002–2003 lief es in Deutschland in der Neuen Flora in Hamburg".

Davon abgesehen,daß Musicals generell eine Geißel der Menschheit sind, läßt man Menschen kurz vor ihrem Tod also noch einen bunten Melodienreigen von sich geben.

Aber zum Glück ist auch diese letzte Hürde über den guten Geschmack bzw. den gesunden Menschenverstand genommen.

Damit ist vielleicht endlich der Weg frei für "Schindlers Liste On Ice".

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