Freitag, 19. November 2010

Ritti Ritti Rümpf

Kennen Sie, liebe Leser, dieses Phänomen?

Man befindet sich in einer Alltagssituation und wird plötzlich von Kindheitserinnerungen überfallen... und es gibt dafür weder einen klar benennbaren Auslöser, noch haben diese Erinnerungen irgendeinen Zusammenhang, sondern kommen wie eine riesenhafte, gezackte Glasscherbe aus dem Nichts herbei und rammen sich selbst ins Stammhirn.
Ein gutes Beispiel von heute:
man ist 37 Jahre alt und steht gerade in Berlin unter der Dusche, als einem folgendes Lied einfällt:

"Wenn einer tannige Hosen hätt' und hagebüchene Strümpf
dann könnt er tanzen wie er will, es gäb ihm keine Ri-ra-ri-ra
Ritti Ritti Ritti Ritti Ritti Ritti Rümpf..."

Gleich danach wird einem klar, daß man dies schwerstdebile Lied mal in der 5.oder 6. Klasse im Musikunterricht lernen mußte und es wohlverwahrt in einer Truhe im Hinterkopf wähnte, die man seit Jahren nicht mehr geöffnet hat.
Also: was soll dieser Quatsch, Gehirn?
Sollte ich mir deswegen Sorgen machen? Was fällt mir demnächst noch alles ein?

"Ein Deutscher, ein Franzos' und ein Ami kommen in ein Hotel. Meint der Besitzer: wir haben aber nur noch ein Zimmer frei, aber da spukt es. Sagt der Ami..."
Nein. Schluß jetzt.

Gestern Abend wollte ich "Wer wird Millionär?" schauen und merkte zu meinem Entsetzen,daß ich beim RTL- Spendenmarathon gelandet war.
Das wurde richtig widerlich, als dann zu einem Zwischenstand ins Studio geschaltet wurde... abgesehen davon, daß Sylvie van der Vaart in einem Einspieler zeigen durfte, wie sie sich um behinderte Kinder kümmert, was den vagen Verdacht nicht ausräumen konnte, daß ihr das als eine der Trivialgalionsfiguren des Senders von der Programmdirektion zugewiesen wurde und es somit im Endeffekt wumpe war, ob es sich um behinderte Kinder, Leute, die von Geburt an Tentakel statt Armen besitzen oder Menschen, die nach einem Mähdrescherunfall aussehen wie ein Leguan handelt.
Dazu kam ein an Schmierlappigkeit und festgetackertem Tetanusgrinsen nicht zu überbietender Anzugmolch eines Telekommunikationsunternehmens, der dem schwer begeisterten Moderationsreplikanten vor der Studiokulisse, die mit Aufklebern dieses Telekommunikationsunternehmens gepflastert war, einen Scheck im Namen des Telekommunikationsunternehmens überreichen durfte, worauf der Hinweis folgte, daß zahlreiche Mitarbeiter des Telekommunikationsunternehmens freiwillig (sicher) an den Studiotelephonen Dienst taten, um die Spenden entgegenzunehmen, gewandet in rote Sweatshirts mit dem Aufdruck "RTL- Spendenmarathon- Wir helfen", in dieser großartigen Show, die natürlich auch präsentiert wurde, und zwar von einem Telekommunikationsunternehmen. Wer hätte das gedacht.
Wie sich als Zweitsponsor da noch ein Automobilunternehmen reinzwängen konnte, blieb enigmatisch. Wahrscheinlich stellt es für das Telekommunikationsunternehmen den Dienstwagen.
Der schwer erträgliche Harry Wijnvoord höchstselbst dagegen saß am Laptop und versteigerte eine Komparsenrolle in einer RTL- Serie. Wer also schon immer mal 4500 Euro zahlen wollte, um bei GZSZ etwas wie "Da vorne ist er!" oder "Tach, Herr Dokter" zu sagen und gleichzeitig das Gefühl erwerben, die Welt damit ein kleines bißchen besser gemacht zu haben, durfte sich fühlen wie ein König.

Kurzum: ein Konglomerat aus Eitelkeit, Niedertracht und Selbstdarstellung, ein Abgrund aus Heuchelei und "gut gemeint", gefüllt mit ganzen Tankladungen voll Schleim und Rotz und Sabber und Geselchtem, und ich wünsche niemandem auf der ganzen Welt, auf die Hilfe solcher Paradebeispiele leuchtender, ja, gleißnerisch strahlender Arschigkeit angewiesen zu sein.

Der Begriff "Gutmensch": selten wurde etwas dermaßen überstrapaziert, nicht selten erhält man für Polemik in diese Richtung Beifall von falscher Seite.
Leute mit nichts im Kopf, aber Geld zum Fressen, oberflächliche Zyniker und talentfreie Exponate wie Niels Ruf, der eine Karriere darauf aufbaute, politisch unkorrekte Witze zu machen, die aber trotzdem erstaunlich humorfrei das Niveau 13-jähriger mäßig begabter Hauptschüler selten einmal verfehlten, teilen gerne in diese Richtung aus, ohne die Intention der ursprünglichen Kritik daran jemals begriffen zu haben, und sind demnach als Antipoden (oder Antagonisten, je nach Sichtweise)derselben nicht weniger widerwärtig... wie es der Zynismus und die Arroganz der Vorzeigebeispiele eines Ellbogenkapitalismus nun einmal sind.

Es geht im Endeffekt nur darum, warum man nicht helfen kann, ohne dabei die Fresse zu halten und selbst dabei möglichst gut dastehen zu müssen.

Ich wollte schon immer einmal bei "Wer wird Millionär?" mitmachen, und wäre ich prominent, hätte ich kein Problem damit, mich in der Spezialausgabe neben Bülent Ceylan, Jens Lehmann und anderen Mutanten in einen Stuhl zu fläzen.
Aber sicherlich nicht wegen dem Spendenmarathon.

Sondern nur, um vor dem Rest der Republik mit meinem Allgemeinwissen zu protzen.

Kommentare:

  1. super. 'n typ, der omas die windeln wechselt und die scheiße anschließend ins netz kippt.
    "mäßig begabte hauptschüler"?
    moment mal, sind das nicht genau die, denen nichts anderes übrig bleibt als altenpfleger zu werden?
    wenn man sich deinen schachtelsatz-alptraum namens blog hier mal ansieht, weiß man:

    zu recht.

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  2. Davon abgesehen, daß ich Freunde habe, die nur über Hauptschulabschluß verfügen (wenn es nur darum ging)warst du mit dem Aufdröseln der Schachtelsätze wohl dermaßen beschäftigt, daß du deinen Namen vergessen hast. Ich stehe zumindest mit meiner vollen Identität zu dem, was ich hier schreibe.
    Anonym? Wie erbärmlich.

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  3. P.S.: hab grad gesehen, daß mein Blog unter Google auf der Suche nach "Niels Ruf" angeklickt wurde. Das paßt ja dann wieder.

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  4. Ach, der gute Bülent Ceylan, auch wenn man ihn ncht mag, er tut wenigstens was (im weitesten Sinne, also wenn man mal von der falschen Rheinseite absieht) für Deinen und auch meinen Dialekt!
    Es grüßt der Waldi!

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  5. Es gibt schlimmere, das stimmt. Aber bei Programmnamen wie "Döner for one" und "Kebabbel nit" bekomme ich trotzdem schlagartig Hirnweh. Diese Masche war doch schon vor 10 Jahren tot, von der Wortspielhölle mal abgesehen.

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