Donnerstag, 11. November 2010

Notizen aus der Drehorgelhölle

Es paßte natürlich wie der Kopf in den Eimer:
kaum entstieg ich zwecks Vorstellungsgespräch meiner U- Bahn am Rathaus Steglitz, wartete oben schon das- nach Pan- bzw. Blockflöten- enervierendste Folterinstrument darauf, mir den Tag zu versauen.
Ein lustiger Drehleiermann kurbelte melonenbedeckelt an seiner akustischen Stalinorgel, mir dabei noch ein beschwingtes "Morjen" zurufend und den nichtkurbelnden ringelbehemdeten Arm schwenkend, um auch dem Sehbehindertsten noch klarzumachen, daß dieser Morjen schon- obwohl noch in zarter Blüte stehend- bereits rettungslos verloren war.
Fehlte eigentlich nur noch das obligatorische Kapuzineräffchen... am besten noch mit einem Sprengstoffgürtel um den Bauch.
Daß das Vorstellungsgespräch von meiner Seite aus nicht zu den fruchtbarsten zählte, rettete den angebrochenen Tag dennoch... meine Ambitionen, im Prenzlberg zu wohnen, aber in Steglitz zu arbeiten, hielten sich dann doch in Grenzen.

Viel ist passiert in den letzten Tagen... zuviel, um hier im Internetcafé jetzt sofort einen detaillierten Abriß zu liefern.

Deswegen erst einmal Splitter:

1. Wenn man aus Kostengründen die Reiselangversion wählt und 11 1/2 Stunden via Regionalbahn nach Berlin tuckert, aber dann zwischen Mannheim und Frankfurt mit zwei Spongs im Abteil sitzt, von denen sich einer ununterbrochen- ich schwöre: ununterbrochen- in derbstem Roihessisch abwechselnd über die Bahn als solches ("die fordern dann Lokführer aus Trier an, unn dann werden in Frankfott die Bahne gstrich...") und Zigeuner ausläßt, die hier sozialschmarotzen, will man ungeachtet der noch kommenden Strapazen der Fahrt seine Energiereserven anzapfen, um zu töten.
Zum Glück ist man dann doch vernünftig.

2. Kassel- Wilhelmshöhe: ich stelle fest, daß die Nummer der Regionalbahn auf Gleis 6 nicht mit meiner Nummer auf dem Verbindungsplan übereinstimmt. Also frage ich vor dem Einsteigen einen herannahenden schinkenförmigen Mann in DB- Uniform:
"Entschuldigung, hält die Bahn hier in Sangerhausen?"
"Morgen."
"Wie, die fährt erst morgen wieder nach Sangerhausen?"
"Nein, 'Guten Tag' heißt das erstmal."
Und läuft weiter, ohne mich noch einmal zu beachten, mich völlig perplex zurücklassend, hoffend, daß er mein in den Bart gebrummtes "blödes Arschloch" trotzdem noch gehört hat.

3. Sangerhausen: Einöde, Brachland, Dunkelheit, gefühlte 3 Grad unter Null.
Cormac McCarthy schrieb "The Road". Jetzt weiß ich, wo er vorher seinen Urlaub verbracht hat.

4. Was ein Spiegelbild meines Lebens (oder zumindest meiner Psyche) sein könnte: ein weibliches Wesen postet mir auf Facebook einen nahezu niedlichen Abschiedsgruß und auch im Chat noch Herzerwärmendes... nur um in der nächsten Nachricht zu fragen: "Du, wie finde ich auf Google Photos von diesem Hundeficker?"
Stünde gerade der Weltgeist neben mir, ich würde ihm einen Mentha spendieren.

5. Den Rest meines freien Tages heute verbrachte ich spazierenderweise im Wedding.
Sollte mir das zu denken geben?
Niemand, der noch seine sieben Zwetschgen beisammen hat, geht freiwillig dahin, schon gar nicht, um dort zu bummeln... aber irgendwie fühle ich mich dem Wedding nach meiner kurzen Zeit dort immer noch verbunden.
Der unhippe Stadtteil, der den keiner will, der als heruntergekommen und gefährlich gilt, trotz relativ zentraler Lage in jedem Reiseführer elegant übergangen wird und sich auch deswegen jeder Gentrifizierung widersetzt, obwohl er seit bestimmt 20 Jahren als DER kommende Stadtteil angepriesen werden soll.
Der alte Arbeiterstadtteil, der es nie an die Fleischtöpfe geschafft hat, sondern sich im Gegenteil immer weiter davon entfernt... in dem es keine vernünftigen Clubs gibt, nur Bierklitschen samt erlesener Alkoholikerklientel und Menschen mit Kampfhunden.
Irgendwie fühle ich mich davon aber doch um einiges treffender repräsentiert als durch den Prenzlauer Berg... in dem ich mich momentan zwar wohlfühle, aber trotzdem irgendwie Fremdkörper bin.
Nein nein: ich mag den Wedding.

Irgendeiner muß es ja tun.

Kommentare:

  1. naja "rhoihesse" und "zijoiner" sind ja fast auf einer wellenlänge. das weiss ich aus zuverlässiger quelle. weil beide "müller thurgau" trinken. sind wir nicht alle scheisse?! olé rot weiss! so laaft die gschicht!! ;-)

    AntwortenLöschen
  2. naja die "rhoihesse" sind ja bekanntlich die "zijoiner" deutschlands. trinken alle zu viel "müller thurgau" und keiner weiss wo sie eigentlich herkommen bzw. was sie machen. noch nicht mal trierer lokführer (die wissen nämlich über allen und jeden bescheid)!

    AntwortenLöschen