Freitag, 16. Oktober 2009

Der Katzenkönig

Ich habe hier ja bisher noch nie eine meiner Arbeiten eingestellt... der Grund, warum ich es jetzt trotzdem tue, ist so eine Art "Werbung in eigener Sache".
Davon abgesehen, daß ich diese Kurzgeschichte schon vor geraumer Zeit ins Netz gestellt habe (entstanden ist sie übrigens während einer Nachtschicht... schon gut, wenn der Arbeitgeber gerade Pflegedokumentation per Computer eingeführt hat und das Ding sogar Internetanschluß besitzt), habe ich sie nun von einem Freund von mir, dem mittlerweile in Hamburg lebenden Graphiker und Comiczeichner Daniel Prohart, bebildern lassen.
Vorstellen werden wir diese Gemeinschaftsproduktion am Samstag, den 17.10.09 in Hamburg im Rahmen einer Ausstellung diverser Zeichner und Street Artists(wann und wo... keine Ahnung. Ich warte immer noch auf die E- Mail mit dem Flyer. Wahrscheinlich im "Goldenen Handschuh", wie ich mein Glück kenne), weswegen ich morgen (genauer gesagt: in ein paar Stunden) per Mitfahrgelegenheit nach Hamburg zuckeln und am Sonntag wieder zurückreisen werde.
Ich hoffe, ich habe dann was zu berichten. Hier also die besagte Geschichte:


Der Katzenkönig

Was hat er nicht gerne gelacht, der Bub. Was war er nicht für ein fröhliches Kind.
Der Schlaueste war er nicht, der Bub, aber lebhaft. Er tollte gerne herum, meist auf dem Kirchplatz, wo ihm eines Tages sein Schicksal begegnete, hinter den großen Blumenkästen aus grob gehauenem Sandstein.
Lange war Oberleitners Katze noch nicht tot, der Schaum vor ihrem Maul gerade einmal zu gelblichen Krusten eingetrocknet, und den gebrochenen Blick umflorte noch ein feuchter Glanz.
Doch es war das Fell, das den Bub magisch anzog, das schwarzweiß gefleckte, akkurat gebürstete, liebevoll shampoonierte, in der Sonne samtmatt glänzende. Also ging er hin, der Bub, näherte sich mit einem tastend vorausgestreckten Buchenast. Lissy, miez miez.
Ein vorsichtiges Tasten, keine Reaktion. Ein stärkerer Stoß, der Kadaver verharrte auf der Stelle. Die erste fette Schmeißfliege ließ sich blauschillernd auf ihm nieder, bereit, ihn als Futter für ihre Brut zu nutzen. Da wußte der Bub, was er zu tun hatte.
Sie hatte ein rotes Halsband um, die Lissy, daran ein hell klingelndes Glöckchen aus Messing.
Was dachte der Bub? Dachte er, das niedliche Gebimmel könne der Katzenseele ein angemessenes Geleit geben, wenn sie ihre letzte Reise antrat? Und das, obwohl Pfarrer Wienholt behauptete, Tiere kämen nicht in den Himmel?
Er traute sich nun näher heran, der Bub. Sah, daß das Glöckchen fest eingeschnürt war, unter einem Stück Paketschnur, das jemand straff um den Katzenhals gezurrt hatte, um sie zu erdrosseln. Neugierig beugte er sich zum Tier hinab und strich mit der Hand über das Fell, das nun so nutzlos vor sich hinglänzte. Arme Lissy wird nicht mehr frieren. Niemals nimmermehr.
Mit Schwung hob er den Kadaver hoch, das Blut, das neben der heraushängenden Zunge auf den Asphalt geflossen war, verbissen ignorierend. Das Glöckchen bimmelte in seiner engen Einschnürung. Pling Pling Pling.
Er überlegte. Bewegte die tote Katze. Pling Pling Pling.
Da faßte er einen Entschluß, der Bub.
Lief nach Hause, holte ein Stück Pappkarton sowie einen dünnen, faserigen Strick und befestigte beides am Gepäckträger seines Fahrrades. Stieg auf und trat in die Pedale, fuhr die enge Gasse lang, die von der Kirche zu seinem Elternhaus führte. Fuhr vorsichtig, damit die Lissy nicht von ihrem Aufbahrungsort rutschte, fuhr vorsichtig, damit der kleine Leichenzug nicht ins Schlingern geriet, fuhr vorsichtig, und dennoch holperte die Katze samt ihrer Unterlage über den schartigen Asphalt, und das Glöckchen schlug an. Pling Pling Pling.
Nach einer Weile lag er plötzlich auf dem Boden, der Bub, unweit des Oberleitners Haus. Vor seinen Augen verschwamm alles wegen einem dumpfen Schmerz in seinem Kopf, der ihn komplett auszufüllen schien. Kaum realisierte er den Geschmack von Blut und Straßenstaub in seinem Mund oder seine aufgeschürften Knie. Instinktiv versuchte er, sich unter seinem umgestürzten Fahrrad herauszuarbeiten, dabei seine nackte rechte Wade mit Öl und Kettenfett beschmierend, während Christian, des Oberleitners ältester Sohn, über ihm thronte wie eine Statue, tief Luft einzog und ihm mit aller Kraft ins Gesicht spuckte, in das er ihm, während der Bub sich noch in voller Fahrt befunden hatte, bereits den Fausthieb versetzt hatte, der ihn samt seinem Fahrrad zu Boden schickte.
Er war halt auf der Dummschule, der Bub. Und war ein jetzt ein Tierquäler. Böser Bub. Unheimlicher Bub.
Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Auf dem Fensterbrett reihten sie sich auf, zuerst fünf, dann 25, dann 50, cremefarben, rosa, blau oder grün marmoriert. Katzenköpfe.
Er schnitzte sie aus Seife, der Bub, die ihm seine Mutter bei ihren Besuchen mitbrachte. Sie waren wie Amulette oder Opfergaben, um den Katzenkönig zu besänftigen, der ihn nachts heimsuchte, dessen teerschwarzer Schädel über seinem Bett zu schweben schien, während das fahle Totenlicht seiner Augen ihm das Bewußtsein einer Schuld, die eigentlich nicht die seine war, ins Gehirn einbrannte.
Trotz aller Neuroleptika, die ihm verabreicht wurden, schien es ihm, er würde heulen und bösartig mit den Zähnen knirschen, würde ihm dadurch befehlen, mitzukommen in sein Reich, wo Lissy auf ihn wartete, vielleicht zu seiner Rechten saß, wer weiß das schon?
Da half nur Schreien und sich unter der dünnen Steppdecke auf seinem Bett verstecken, mit diesem Verhalten alle Berichte aus der Beschäftigungstherapie über seine angeblichen Fortschritte ad absurdum führend.
Und die freiheitseinschränkenden Maßnahmen, die sie daraufhin durchführten, damit er sich nicht mehr verstecken oder Becher voll lauwarmem Pfefferminztee dem Haupt des Katzenkönigs entgegenschleudern konnte, machten alles noch schlimmer, denn nun war er völlig ausgeliefert.
Fünfpunktfixierung, der Bub.

Doch schließlich bannte er ihn, der Bub. Er bezwang den Katzenkönig, auch wenn es lange dauerte.
Sie entließen ihn mit vielen guten Wünschen aus der Klinik. Er sollte nach Hause, und dann vielleicht eine betreute Wohngruppe besuchen, denn er galt noch als therapierbar, der Bub, und sein handwerkliches Geschick befähigte ihn zum Erlernen des Schreinerhandwerks.
Und als er dann in seinem alten Kinderzimmer auf dem Bett lag, und ein von außen geschleuderter katzenkopfgroßer Stein das Fenster zerschmetterte, während eine gebrüllte Beleidigung durch die enge Dorfgasse wehte, bevor sie in der Nacht verhallte, wußte er, daß er gehen mußte.
Er wurde Geschäftsmann, der Bub, draußen in der großen Stadt. Viele Verhandlungen wurden geführt hinter dem Paßphotoautomaten am Hauptbahnhof, manche mit schmerbäuchigen Trägern von Anzügen und verlegenen Grinsen, und der Bub nahm das Geld und gab ihnen ein paar Meter weiter was dafür. Sogar die 50 Cent Eintritt an der Toilettentür bezahlte der Bub, das war Extraservice am Kunden. Und so lernte er sie kennen, wichtige Männer aus allen Herren Ländern, und die Pausen vertrieb er sich mit Jungs, die in derselben Sparte tätig waren.
Was die regelmäßige Einnahme seiner Tabletten anging, wurde er nachlässig, der Bub. Sein jetziges Medikament war nicht im regulären Handel erhältlich; die neue Arbeit ging ihm flotter von der Hand, wenn es durch seine Venen pulsierte.
Oft sinnierte er, wohin die Züge wohl gehen mögen, die rot und weiß lackiert hinter der großen Glastür sichtbar in beide Richtungen davonfuhren. Vielleicht in ein anderes, besseres Leben? Etwas, was ihm sein Blutkreislauf allmählich nicht mehr bescheren konnte?
Denn er hatte abgenommen, der Bub.
Er übergab sich in letzter Zeit oft, manchmal absichtlich, alleine schon, um diesen Geschmack im Mund loszuwerden, den Geschmack nach Mann von Welt, den moderigen Geschmack, der ihn an den allmählichen Niedergang seiner fabulösen Geschäftsidee erinnerte, denn dünn und schlottrig zu sein, mit allmählich faulenden Zähnen, damit ließ sich schlecht leben in jenen Tagen, in denen ihm ein gewisser Verschleiß nicht abzusprechen war, oder den Geschmack von Blut, in seiner Mundhöhle hervorgerufen von einem stahlkappenbewehrten Stiefel, den jemand trug, der Deutschlands Straßen von dem ganzen Dreck säubern wollte.
Er solle ihn besuchen, sagte der Sozialarbeiter zum Buben.
Sein Büro sei leicht zu erreichen... einfach die U-Bahn nehmen, gerade da ums Eck, drei Stationen weiter wieder aussteigen, die Treppe hoch, dann wäre er schon da.
Diesem Mann vertraute der Bub
Er war zwar seinem Geschäft nicht zuträglich, denn er wollte sich auf keinen Handel einlassen, aber er hatte ihm versprochen, die Zugfahrpläne so zu erklären, daß es auch der Bub kapierte, ihm einen Platz zuzuweisen, und der Bub würde da sitzen, während die Stadt an ihm vorbeizog, dann das Hinterland, Bäume, Büsche, Sträucher, vielleicht ein kleiner, sonnenbeschienener See, der Bub würde die Stadt dann schon fast vergessen haben, und wenn er dann schließlich ausstieg, würde er sie auch endgültig vergessen wollen.
Es war drückend schwül, die Vorahnung eines nahenden Gewitters lag über der Stadt, als der Bub die Treppen zur U-Bahn hinabstieg.
Eine seltsame, fast vergessene Beklemmung machte sich breit, etwas, was ihm merkwürdig angsteinflößend bekannt vorkam. Zwar war er zum ersten Mal hier, tief in den Eingeweiden der Stadt, er starrte auf die gefliesten Wände und in den gähnenden Schlund der riesigen steinernen Röhre, die sich vor ihm auftat, während die grelle Beleuchtung seinen Kopf schmerzen ließ, das kaum hörbare Summen der künstlichen Lichtquellen schien sich allmählich zu steigern, doch er erinnerte sich, ja, es kam alles zurück und es war fast, als wäre er wieder der kleine Bub.
Kacheln. Neonleuchten. Plötzlich ein dumpfes, anschwellendes Rumoren, das den Raum zunehmend ausfüllte. Nein. Oh nein.
Die Finsternis in dem steinernen Maul zog ihn magisch an.
Die Menschen waren viel zu überrascht, als der Bub plötzlich auf die Gleise sprang, noch sorgfältig darauf bedacht, keine stromführenden Teile zu berühren, bevor er eine Sekunde lang in das fahle Totenlicht der Augen des Katzenkönigs starrte, während dieser ratternd und zischend auf ihn zuraste.
Und ihn verschlang.

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