Montag, 5. Oktober 2009

Hundescheiße on the rocks

Meine Woche: Pest und Cholera.

Ein neuer Job... ein Zugebombtwerden an neuen Namen, Aufgaben, Eindrücken mit einer Anleitung zur Seite, die dermaßen überfordert war, daß sie mir mehr leidtat als ich mir selbst. Heimwege auf dem Zahnfleisch.
Ein vorgegebener Zeitrahmen, der mich dermaßen überforderte, daß ich nach drei Tagen das Handtuch warf, nur um von der PDL überredet zu werden, doch zu bleiben, da sie dringend Leute braucht, und ich solle doch die Spätschicht ausprobieren.
Spätschicht: entspannt, aber da die Zeit genau ausreicht, meine Aufgabe zu erfüllen, ohne diese dokumentiert zu haben, unbezahlte Überstunden, um die Dokumentation zu schreiben. Feierabend: 21 Uhr, Dokumentation, Heimwege auf den Sackhaaren, Ankunft an der Haustür: 22 Uhr 30.
Die Woche: ein Scheißhaufen. Die Wohnung: ein Saustall. Beim Einschlafen: Berieselung durch RTL II, in der gerade eine Razzia in der Wohnung eines Cracksüchtigen gezeigt wird. "Ein normaler Mensch kann nicht nachvollziehen, daß Menschen freiwillig in solch einem Chaos hausen."
Blick umher: check. Fick dich.
Dienstag mein Quizabend als Spieleleiter in familiärer Atmosphäre im Ubu, eine meiner Stammkneipen. Etwas, auf das ich mich in Berlin sehr gefreut habe. Endlich wieder zusammensitzen mit von mir geschätzten Leuten in angenehmer Atmosphäre. Helmut, der Chef, eröffnet uns Knall auf Fall, daß er den Laden aus finanziellen Gründen kurzfristig und endgültig schließen muß.
Weinende Männer. Bizarre Anblicke. Atmosphäre wie bei einer Beerdigung. Ist es auch: ich trage einen kleinen, nichtsdestotrotz liebgewonnenen Teil meines Lebens zu Grabe.

Ansonsten: ein Rechner, der schnauft und lahmt. Das Gefühl, die kreative Energie von jemandem zu haben, der im Vorzimmer von Amtmann Plötz in Weiherfeld- Dammerstock Büroklammern zählt und die Bestände dokumentiert. Hundescheiße on tne rocks.

Bitte ganz schnell abhaken und vergessen.

Ubu R.I.P.

Sonntag, 27. September 2009

"Allee, Allee...

...eine Straße, viele Bäume, ja das ist eine Allee."

Was ich auf meiner Rückreise musikalisch ertragen mußte, wünsche ich niemandem.
Nun gut, fast niemandem. Es gibt ja auch durchaus Leute, denen hätte ich die Fahrt mit dem Kopf im Motorblock gegönnt.
Aber 8 Stunden in einem Auto eingepfercht zu sein, in dem man im Wechsel mit Ballermann 6- Saufliedern, Faschingsschlagern und den Böhsen Onkelz beschallt wird (8 Stunden! In Worten: ACHT!) ist schon hart. Und obige Textzeile war eines der besonderen Highlights. Warum tun Menschen sowas? Warum?
Nun gut, zumindest waren die Fahrer (zwei junge Hertha-BSC- Fans auf dem Weg zum Spiel in Hoffenheim) eine recht angenehme Gesellschaft und hatten einen derart guten Bleifuß, daß ich bereits um 20 Uhr 30 wieder in Karlsruhe war und sogar noch was vom Abend hatte.
Und für 35 Euro im Vergleich zu 97 Euro für das ICE- Ticket nimmt man bei der Mitfahrgelegenheit sogar Scheißmusik in Kauf.
Dann noch der Derbysieg gestern mit anschließendem Biervernichten in meiner Wohnung (übrigens mit einem KSC- Fan... und wir leben beide noch)... das nennt man wohl einen gelungenen Einstand.
Schön, wieder zuhause zu sein.

Mittwoch, 23. September 2009

Unfaßbares Gesocks

Manche Leute sind schier unglaublich: da bin ich am Bundesplatz in Steglitz, weil ich mit einem guten Bekannten zum Essen in einem mediokren griechischen Restaurant verabredet bin, als mich jemand anlabert, ob ich Feuer hätte.
Na klar; und weil ich schon mal im Gespräch bin, und der junge Mann recht sympathisch aussieht, frage ich ebenfalls sofort nach dem Weg zum Perezplatz... nur um gleich darauf zu bemerken, daß der Gute wohl nicht nur stinkbesoffen, sondern auch anderweitig völlig betoniert ist.
Es entspinnt sich eine völlig absurde Konversation, an deren Ende sich diese Leiche mein Handy ausleihen möchte, denn "Habe ich Freundin, rufe ich an, wir gehen hin und können beide ficken ganze Nacht."

Ich möchte jetzt nicht damit beginnen, die Inferiorität des ganzen ernstgemeinten Angebots zu analysieren, aber ein flotter Dreier mit einem Drogentoten und seiner nymphomanen Fickschleuder... exakt so stelle ich mir einen gelungenen Abend vor.
Das Leben ist doch eines der Schönsten.

Dienstag, 22. September 2009

Leute mit Dachschaden

Mein Mitforumianer Gabriel aus der Schweiz hat ja kürzlich in seinem sehr lesenswerten eigenen Blog, den er (unter dem Titel notizen.)führt, den Brückenschlag zum ME- Forum gewagt (das nach der Verlagerung des "Musikexpress" von München nach Berlin und einem Wechsel des Herausgebers nun seit kurzem nicht nur unter der Kopfzeile "WELT online", sondern auch unter einem Werbebanner läuft, das jeden, der kein Adblock plus hat, unweigerlich in den Wahnsinn treibt... aber das ist eine ganz andere Geschichte. Nur falls sich jemand wundert; wie glücklich ich mit der derzeitigen Entwicklung bin, dürft ihr gerne raten):

es gibt dort einen Thread, in welchem man zum Zeitvertreib seine 50 liebsten Platten von 2000- 2009 auflisten soll.

Ein schöner Nerd- Zeitvertreib, fürwahr, der nach einiger Beschäftigung mit der Materie für einen selbst (vorausgesetzt, man ist dem Listenwahn verfallen, aber das sind Plattensammler fast immer) eine immense Wichtigkeit gewinnt, die wirklich bizarr ist.

Man sitzt nun also mit ca. 180 in diesem Jahrzehnt erworbenen Platten (nachdem man mindestens 250 weitere in einem gnadenlosen Vorauswahlverfahren kategorisch ausgeschlossen hat) am Wohnzimmertisch und versucht, 50 herauszupicken, die man schon seit Jahren heiß und innig liebt und nicht mehr hergeben möchte (bzw. aktuelle Alben, die momentan auf Dauerrotation laufen und bei denen man überzeugt ist, daß das auch in weiteren 10 Jahren noch der Fall sein wird).

Dann versucht der geneigte Kauz, zu dem man sich spätestens jetzt entwickelt hat (was den erwähnten Thierse- Faktor doch ziemlich in die Höhe treibt), die Liste möglichst ausgewogen zu gestalten, indem er versucht, das eigene Geschmacksspektrum soweit wie möglich abzudecken und sich auf ein Album pro Band zu beschränken.

Dieses Hin und Her, das Rein und Raus aus der Liste, das Gefühl, etwas vergessen zu haben und diesem oder jenem nicht gerecht zu werden, kann einem ernsthafte Hirnzermarterung bereiten, bis man endlich fertig ist...

mit der ca. 347 822. Liste von 50 oder 100 Platten, die in den Fernen des Internets herumgeistert, ohne daß sie irgendjemand brauchen würde. Aber man selbst ist stolz drauf, als hätte man wirklich Bedeutsames, wenn nicht sogar Unentbehrliches geleistet.
Ob Musiknerds und Plattensammler tatsächlich alle einen Dachschaden haben?
Wie sagten Poison Idea schon vor Jahren in einem Plattentitel?
"Record Collectors Are Assorted Assholes".

Möglicherweise hatten sie sogar recht.

Nichtsdestotrotz hier meine 50:


Antipop Consortium: Arrhythmia [2002]
Antiseen: Badwill Ambassadors [2005]
At The Drive-In: Relationship Of Command [2000]

The B-52's: Funplex [2008]
Black Rebel Motorcycle Club: Take Them On, On Your Own [2003]
Bloc Party: Silent Alarm [2005]
Brimstone Howl: Guts Of Steel [2007]
The Bronx: The Bronx I [2003]

Nick Cave and the Bad Seeds: No More Shall We Part [2001]
Clutch: Pure Rock Fury [2000]

Fantomas: The Director's Cut [2001]
Freddie Foxxx: Bumpy Knuckles- Industry Shakedown [2000]

Girls Against Boys: You Can't Fight What You Can't See [2002]
Gluecifer: Tender Is The Savage [2000]

PJ Harvey: Stories From The City, Stories From The Sea [2000]
Hot Snakes: Suicide Invoice [2002]

Jedi Mind Tricks: Visions Of Gandhi [2003]

Kamikaze Trio: Rain On Your Parade [2008]
King Khan and the Shrines: Mr. Supernatural [2004]
Kings Of Leon: Because Of The Times [2007]
Killing Joke: Hosannas From The Basements Of Hell [2006]

Mastodon: Remission [2002]
mclusky: The Difference Between Me And You Is That I'm Not On Fire [2004]
Melvins: (A) Senile Animal [2006]
Motörhead: Inferno [2004]

New Wet Kojak: ...This is the glamorous... [2003]
The Night Marchers: See You In Magic [2008]
NoMeansNo: All Roads Lead To Ausfahrt [2006]

Iggy Pop: Skull Ring [2003]
Probot: s/t [2003]
Prong: Power Of The Damager [2007]

Queens Of The Stone Age: Songs For The Deaf [2002]

Radio 4: Gotham! [2002]

Sensational: Get On My Page [2001]
Shellac: Excellent Italian Greyhound [2007]
Sick Of It All: Yours Truly [2000]
Slapshot: Digital Warfare [2003]
Slayer: God Hates Us All [2001]
The Strokes: Is This It [2001]

Tomahawk: s/t [2001]
Trend: Navigator [2005]

Unsane: Visqueen [2007]

Viva L'Américan Death Ray Music: A New Commotion, A Different Tension [2004]

Tom Waits: Blood Money [2002]
Ween: White Pepper [2000]
The White Stripes: Elephant [2002]
Wire: Object 47 [2008]
Woven Hand: s/t [2003]

Zeke: Death Alley [2001]

Montag, 21. September 2009

Die Prominentenstrichliste

Auf der einen Seite ist es ja tröstlich, in meiner letzten Woche in Berlin doch noch einen Prominenten zu Gesicht bekommen zu haben, völlig entspannt im Straßencafé auf einen netten Menschen wartend, mit dem ich mich dort treffen wollte: auf der anderen Seite hätte es der leibhaftige Wolfgang Thierse, der -mit der kauzigen Ausstrahlung eines Erfinders, der nach zwölfjährigen Versuchen, eine Eierköpfmaschine zu konstruieren, allmählich den Verstand verloren hat- auf der Schönhauser Allee versuchte, Passanten zur Wahl der SPD zu überreden, nun auch nicht noch sein müssen.

Die Wahlwerbung ist eh wieder einmal weit vorne; angefangen vom scheinbar für eine bereits arg mitgenommene Klientel produzierten Autistenspot der Rentnerpartei ("Mein Name, ist Kopp, Eberhard Kopp."- der neue Bond?- "Das kann nicht sein! Ich misch mich ein." Irgendwie sind Rentner, die krachig in die Kamera hineinpoltern und dazu versuchen, ein breites Publikum anzusprechen bzw. was sie dafür halten, ziemlich nervtötend) bis zum Berliner CDU- Kandidaten Gottfried Ludewig, der gerade mit westerwellesk beschwingten Stimmungsplakaten der jugendlichen Wählerschaft wohl vermitteln will, was für ein abgefahren crazy Motherfucker er in Wirklichkeit doch ist, Alda.
Übrigens: da man um das Thema nicht herumkommt, ein paar Worte zu den Wahlen.

Als mich eine Mitarbeiterin des Berliner ZDF- Studios fragte, ob ich wählen gehe und mir auf mein "Ja" dann anbot, ich könne mich doch in die "Quatschbox" des Morgenmagazins setzen und dem Fernsehvolk kundtun, warum ich wähle und es das gefälligst auch tun sollte, lehnte ich dankend ab.
Ja, ich gehe wählen; im Endeffekt wähle ich aber lediglich gegen eine Partei anstatt dafür. Das vage Gefühl, für etwas "Verantwortung" übernommen zu haben, will sich bei mir partout nicht einstellen, höchstens das, meine Stimme nicht völlig verschenkt zu haben, und selbst das ist wahrscheinlich trügerisch.
Ich äußere mich nicht gerne politisch, weil ich mich nicht gerne vereinnahmen lasse; und ich fühle mich auch keinem Lager richtig zugehörig.
Daß der Kapitalismus durch seinen Appell an die einfachsten Instinkte letztendlich den Sieg davongetragen hat, macht ihn in meinen Augen deswegen in der jetzigen Form nicht akzeptabel, deswegen scheidet die bürgerliche Mitte für mich aus;daß in meinem Denken kein Platz für Utopien ist, weil ich sie angesichts der Realität und der Beschaffenheit der Natur des Menschen für nicht durchführbar halte, macht mich für viele Linke zu einem manchmal höchst unerfreulichen Gesprächspartner, bei dem auch gerne mal die Faschismuskeule ausgepackt wird, wenn einem sonst nichts einfällt; daß ich Faschisten, Antisemiten, religiöse Fanatiker und allgemein auch den Geist der 50er Jahre in der Bundesrepublik auf den Tod hasse, macht mich für Rechte wie auch Konservative indiskutabel; würde ich nun also sagen, was ich wähle, würde ich aus diversen Gründen gegen meine Überzeugung handeln, weil ich eine Empfehlung für etwas abgeben würde, dessen Sinn sich für mich nicht unbedingt erschließt, das ich aber trotzdem als Notwendigkeit ansehe. Klingt wirr, ich weiß. Wäre ich hier in einem Forum, würde ich einen grünen Grinsesmiley hintenanstellen.
Ich will mich hier nicht zum tollen Outlaw hochstilisieren, dazu fehlt mir glaube ich noch einiges; daß ich mich immer noch vorwiegend unter Leuten bewege, die ihre Prägung in der Punk- und Hardcoreszene erhalten haben (und ich auch nicht vorhabe, das in absehbarer Zeit zu ändern), ist ebenfalls kein Geheimnis, aber deswegen muß ich nicht mit jeder dort vertretenen Meinung konform gehen... zumal es dort auch ein relativ großes Spektrum gibt, das vom scheinbaren Grundkonsens deutlich abweicht.
Deswegen: the choice is yours... ohne daß euch Papa Bronkowitz erzählt, wo es langgeht.

Mittwoch, 16. September 2009

The Jesus Lizard, Festsaal Kreuzberg, 15.09.09

Nachdem mein eigentlicher Auftrag in Berlin ja bereits erfüllt ist, war es trotzdem schön, ein alles überstrahlendes Ereignis zu haben, um die Restzeit hier zu verkürzen.

The Jesus Lizard sind also wieder da, zumindest für ein paar Reunionkonzerte in Originalbesetzung. Fan der Band bin ich seit der Platte "Liar" Anfang der 90er, aber es hat nie gereicht, um sie live zu sehen... vor allem, weil sie sich Ende der 90er bereits aufgelöst hat.
Dementsprechend solide war auch der Andrang im Festsaal Kreuzberg, einem beachtlich großen Saal mit durchgehender Empore, in dem sich geschätzt 300 Leute eingefunden hatten.
Der Altersschnitt war ebenfalls solide, handelte es sich doch um eine Band, die vor 15 Jahren einmal groß war und seit ihrem Ende abgesehen von der festen bestehenden Fanbasis dann doch zu sperrig und unpopulär war, um sich größere Käuferschichten zu erschließen.
Ich schätze den Schnitt mal auf 34,7 Jahre, war aber doch erstaunt, würdige weißhaarige Männer in alten Jesus- Lizard- Tourshirts zu sehen... Sachen gibt's...
Dennoch: als ein sichtlich gutgelaunter David Yow nach der guten, aber unspektakulären Garagenrockvorband "Demon's Claws" (die in dem Rahmen reichlich deplaziert wirkte) und in wuchtigem Sound der Anfang von "Here Comes Dudley" ertönte, gab es kein Halten mehr.
Im Vergleich zum altersmäßig ähnlich gearteten Prong- Konzert kürzlich, bei dem sich keiner mehr einen Moshpit zutraute, kochte hier die Stimmung über.
Es gab Crowdsurfer und Stagediver, am eifrigsten dabei war natürlich Yow selbst, der einen Großteil des Konzerts auf dem oder inmitten des Publikums bestritt und auf allzugroße Schweinereien verzichtete, abgesehen vom "senkrecht in die Luft spucken und den Rotz mit dem Gesicht auffangen" oder davon, sich bei "Boilermaker" minutenlang den Finger in den Po zu stecken. Aber wenigstens behielt er die Hose an.

Geboten wurde natürlich eine Art "Greatest Hits"- Sammlung... viel Material von "Head", "Goat" und "Liar", zwei oder drei Songs von der schwächeren "Down", alles sehr versiert dargeboten.
Neben all dem Wahnsinn sollte man nicht vergessen, welch grandiose Musiker die Lizards sind, und das merkte man an diesem Abend sehr deutlich.
Nach gut zwei Stunden war nach einem ausgedehnten Zugabenblock zum genau richtigen Zeitpunkt Schluß (immerhin gehen die meisten Alben gerade mal 30 Minuten, und vier am Stück sind sogar mir zuviel) und als Fazit bleibt:
großartiger Sound, ein blendend aufgelegter Irrer am Mikro, ein mitgehendes Publikum... was will man mehr?
Und sogar wenn die Reunion nur eine einmalige Geschichte war: ich war dabei.
Wieder ein Grund mehr, irgendwann beruhigt sterben zu können.

Dienstag, 15. September 2009

"Please put in my box/some money for socks"

sang vor knapp über 20 Jahren die ganz famose und sträflich unterbewertete Band The Housemartins in ihrem Song "We're Not Going Back".
Gutes Thema, denn meine mitgeführten Socken lösen sich auf. Ich weiß nicht, woran es hängt, aber momentan grassiert galoppierender Lochfraß. Heute morgen zog ich ein bisher intaktes Geschenk einer ehemaligen Studienkollegin an und stand auf einmal halb im Freien.
Dazu kommt, daß es in unserer WG gefühlt fünf Grad kühl ist. Man sitzt also beim Frühstück (Kaffee und Zigaretten), und durch die zernagten Socken kriecht ein schleichend kalter Hauch durch's Hosenbein Richtung Gemächt.
Und daran ist beileibe keine prickelnde Erotik zu entdecken, es sei denn, es gehört zu jemandes sexuellen Präferenzen, mit einem lebenden Karpfen in der Unterhose spazierenzugehen, und das ist bei mir nicht unbedingt der Fall.
Was mir seltsamerweise dazu einfällt: in meiner Kindheit, die ich in den 70ern und frühen 80ern überwiegend bei meinen Großeltern verbrachte, war es üblich, sich am Waschbecken in der Küche (man stelle sich eine zweigeteilte Küche vor: vorne ein Eßtisch auf Linoleumbelag, hinten eine Art Kochnische mit gekacheltem Boden... kleine, quadratische Fliesen, größtenteils weiß, aber dazwischen immer mal wieder eine optische Auflockerung in Form vereinzelter Kacheln in grindigem Pastelltürkis oder geradezu brechreizerregendem Pastellrosa, darauf ein Gasherd... also: wenn heute ein Museum einen typischen westdeutschen Arbeiterhaushalt von- sagen wir mal- 1966 nachstellen möchte, wird er genau SO aussehen)die Hände mit kaltem Wasser und Ata Scheuerpulver zu waschen.
Man kam also von der Feldarbeit oder -in meinem Fall- vom Fußballspielen auf dem Bolzplatz und wusch sich erst mal die Hände, und am Waschbecken lag entweder ein mumifiziertes Stück Kernseife, oder es stand eine Plastikdose Ata bereit, als wäre es das Normalste auf der Welt. Heute würden dermatologische Studien wohl ergeben, daß einem das Zeug irgendwann die Hände skelettiert, aber damals scherte einen das wenig.
Das erklärt das frühe Hinscheiden meiner Socken natürlich trotzdem noch nicht, aber man könnte mutmaßen, daß einen das Berliner Trinkwasser irgendwann von innen heraus auflöst, es aufgrund jahrelanger Gewöhnung niemand mehr bemerkt und ich der Erste bin, der das anhand seiner Socken nachweisen kann. Und das prangere ich an. So.
Um nochmal zur kühlen WG zurückzukommen:
ich war ja in den 80ern großer R.E.M.- Fan (zumindest bei Erscheinen von "Document" und "Green", die ich ja bereits im zarten Teenageralter mochte), bis ich mir genau am Erscheinungstag die unfaßbar grauenhafte, geradezu inferior schlechte Verkörperung alles Grützigen in der "Musik für Leute, die sich nicht für Musik interessieren"- Welt namens "Out Of Time" kaufte.
Eine wahrhaftige Schweinescheibe, auch heute noch, und von dieser Meinung werde ich auch nie ein Jota abrücken.
Unglücklicherweise sollten sie ausgerechnet mit dieser Platte reich und berühmt werden; glücklicherweise sollte mich das bald darauf nicht mehr interessierten, weil Punk, Hardcore, Thrashmetal und Public Enemy meinen Weg kreuzten, und zwar alle auf einmal.
Dabei könnte man es belassen; nun veröffentlichten R.E.M. aber 2008 eine ganz famose Platte namens "Accelerate", die erste seit Jahren, die ich mir wieder zulegte.
Und als ich kürzlich die "Automatic For The People" für den Ramschpreis von 5 Euro auf CD entdeckte, entsann ich mich des Songs "Drive", den ich so schlecht eigentlich auch nie fand, und kaufte sie.
Und es funktioniert: kaum erklingen die ersten Takte, wirft einem jemand am offenen Kamin Omas selbstgestrickte Wolldecke über, und die ganze Welt wird Fluff und Muff und Sackgekraul. Zumindest fast.
Aber man vergißt beinahe, daß man sich gerade in den alten Bundeswehrschlafsack seines Onkels eingerollt hat, auf einer angejahrten Schlafcouch liegt und die Flecken auf einer ebenfalls fossilen, an einer Zimmerwand lehnenden zerschlissenen Matratze zählt, die den nächsten Abtransport zum Sperrmüll erwartet.
Das leichte Frösteln bleibt; aber zumindest ist die Platte so gut, daß man sich keine Gedanken über den Ursprung der Flecken macht.
Und das sollte einem schon mal 5 Euro wert sein.