Mittwoch, 15. Januar 2020

Kerosin

Das Seuchenjahr 2019 hat mit seinem unwiderruflichen Verschwinden auf seinem Weg in den Orkus wie zum Hohn noch einen der Großartigsten mitgenommen.
An Heiligabend starb Bassist Dave Riley von Big Black, einer der innovativsten und interessantesten Noise- /Punkbands der 80er, im Alter von 59 Jahren an einem Krebsleiden.
Was Big Black für mich bedeuten, habe ich bereits in meinem Essay zum Album "Atomizer" hinreichend beschrieben.
Bei der aktuellen Ausgabe von "Radio Bronkowitz", in dem ich als Nachruf noch einmal (natürlich) "Kerosene" spielte, ward mir dann doch etwas melancholisch zumute.
Es ist eine Hymne ... und zwar vorwiegend eine, die man hauptsächlich nachvollziehen kann, wenn man in Prä - Internetzeiten auf dem Dorf oder in irgendeiner piefigen Kleinstadt aufgewachsen ist.
Eine große Wahl hatte man nicht. Entweder würde man mit 23 eine ehemalige Klassenkameradin aus demselben Ort oder dem Nachbardorf heiraten, zwei Kinder zeugen und den Rest seines Lebens zwischen den Fixpunkten "irgendwann völlig leidenschaftslose Ehe", "Dorfkneipe", "verhaßter Job" und "Hausbau" flipperkugelesk herumspringen und in der Gemeinschaft Anerkennung als "anständiger Kerl" ernten ... oder ausbrechen und dafür in Kauf nehmen, daß einen plötzlich niemand mehr verstand.
Ich und einige andere entschieden uns für letzteres, und zwar sehenden Auges.
Denn was blieben uns für Alternativen? Diejenigen, die Big Black auf den Punkt gebracht hatten, und zwar in einem Text, dessen Allgemeingültigkeit für uns in unserer Situation fast schon in Stein gemeißelt war:

I was born in this town
Live here my whole life
Probably come to die in this town
Live here my whole life
Never anything to do in this town
Live here my whole life
Never anything to do in this town
Live here my whole life
Probably learn to die in this town
Live here my whole life
Nothing to do, sit around at home
Sit around at home, stare at the walls
Stare at each other and wait till we die
Stare at each other and wait till we die
Probably come to die in this town
Live here my whole life
There's Kerosene around, something to do
There's Kerosene around, she's something to do
There's Kerosene around, she's something to do
There's Kerosene around, we'll find something to do
Kerosene around, she's something to do
Kerosene around, set me on fire

Genau so war es. Und weil wir aus dieser Sackgasse flüchten wollten, fanden wir den Antrieb, ohne Rücksicht auf die Meinung anderer ein selbstbestimmtes Leben führen zu wollen, und zwar eines, das unseren Erwartungen entsprach und weder denen unseres Umfelds noch unserer Familie.
Nicht jeder übersprang diese Hürde erfolgreich oder mit den richtigen Methoden. Aber die, die sie gemeistert haben, sind mit Sicherheit nicht mehr dieselben, die sie ohne diesen Entschluß geblieben wären, auch wenn sie vielleicht wieder in einem Dorf wohnen, verheiratet sind und eine Familie gegründet haben.
Für diese Phase in meinem Leben wird "Kerosene" immer der Song sein, der meine damaligen Gefühle exakt widerspiegelt. Und als ich ihn gestern Abend aus diesem traurigen Anlaß hörte, glomm tatsächlich kurz das Gefühl auf, auch einem Teil meiner Jugend gerade einen Nachruf gewidmet zu haben. Und das wird wohl leider nicht das letzte Mal gewesen sein.

R.I.P. Dave Riley.

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