Sonntag, 8. Januar 2012

In Würde altern

Am Freitag war ich einmal wieder in der Alten Hackerei, wo durch das DJ- Team Punk-, Metal- und Hardcoreklassiker zum besten gegeben wurden.
Allerlei Jungvolk hampelte durch die Gegend, und ich setzte mich in ein stilles Eck, trank in aller Ruhe ein Bier, erfreute mich an "War Inside My Head" von den Suicidal Tendencies und betrachtete die Szenerie... so wie die übrigen Punkrockveteranen auch.
Es war eine sehr entspannte Stimmung; das mag auch daran gelegen haben, daß der Fremdschamfraktor gering war, da sich niemand der Älteren dazu berufen fühlte, den Jüngeren zeigen zu wollen, was für ein wahnsinnig crazy Motherfucker er noch ist.
Man äugte einfach; mich erinnerte das Ganze an die Zeit Anfang der 90er, als man sich noch in der KATAKOMBE auf der Tanzfläche im Gruppenverbund genauso aufführte und als komplette Clique besoffen Sackgitarre spielte.
Natürlich macht es immer noch Spaß, sich unter Gleichgesinnten zu guter Musik zu bewegen, aber wenn das mit dem unbewußten Zwang verbunden ist, sich selbst oder Jüngeren etwas beweisen zu müssen, wird es unerträglich.
Das erinnert mich immer an einen ganz furchtbaren Typen im CARAMBOLAGE, der mit dem kumpelhaften Habitus eines Sozialpädagogen auftritt und dessen Gesamterscheinung (inklusive lässig in der Hemdentasche verstauter Tabakpackung) einem schon den Satz "Ich bin über 40, aber immer noch gut drauf" entgegenzuschreien scheint.
Wahrscheinlich ein ganz netter und verständnisvoller Mensch, der einfach seinen Spaß haben will. Trotzdem finde ich das, was er ausstrahlt, dermaßen unerträglich in seiner ostentativ zur Schau gestellten Midlife- Crisis- Lässigkeit, daß ich ihn am liebsten in bester Borowkamanier umgrätschen würde.

Szenenwechsel.
In der Hackerei spielte eine deutlich angejahrte Punkband, deren Sängerin es sich trotz deutlich in Alice- Cooper- Nähe gerückter Gesamterscheinung nicht nehmen ließ, herauszustellen, für was für ein männermordendes Biest sie sich noch hält.
Was keinen Unterschied macht zu den Garagenrockfrauen vor einigen Monaten ebenda, die trotz deutlicher Überschreitung der 30er- Hürde meinten, fischnetzbestrumpft auf Vorsprüngen tanzend und lasziv über ihre Beine streichend das Sexmonster geben zu müssen.
Der Effekt auf mich war in ungefähr derselbe: Fremdscham bis zum kompletten Verlust der Libido.

Eine Freundin von mir meinte neulich, warum sie nicht auch noch mit 60 hohe Stiefel und Minirock anziehen sollte, wenn ihr danach wäre.
Ganz einfach: weil darum.
Außerdem wäre es wohl auch peinlich, wenn ich mich- obwohl ich nicht mal 40 bin- in sexy Unterwäsche auf eine Bühne stellen würde, um mit meiner Schwanzlänge und der Anzahl Geschlechtspartnerinnen, die ich befriedigen kann, zu prahlen und dabei zu denken, junge Frauen würden davon klatschnaß im Schritt.
Davon abgesehen, daß ich nie ein Womanizer war und es außerdem eine Frage der persönlichen Würde ist, sich so zu verhalten, wie es angemessen ist, ohne daß man dabei eine niedrige Meinung von sich selbst haben muß.
Männer über dem Zenith sollten nun mal keinen Habitus zur Schau stellen, als wären sie immer noch Gottes Geschenk an die komplette Damenwelt. Und umgekehrt gilt das auch für Frauen.
Alles andere spielt in einer Liga, die sich aus denen rekrutiert, die nicht einsehen wollen, daß alles im Leben einmal vorbei ist. Wenn man sich einmal damit abfindet, kommt man wahrscheinlich gar nicht auf irgendwelche bescheuerten Ideen, sondern findet eine Nische, in der man sich treu bleiben kann, ohne den Berufsjugendlichen zu mimen bzw. (das andere Extrem) zum kompletten Langweiler zu werden.

Genau dieses Verhalten macht einige Menschen, die es beherzigen, wiederum attraktiv.
Ob ich in der Hinsicht alles richtig mache oder auf viele Menschen dennoch peinlich wirke, weiß ich nicht.

Aber ich versuche mein Bestes.


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