Mittwoch, 29. Januar 2020

Aus gegebenem Anlaß: eine Minute Einkehr

Ich las mal ungefähr folgendes, was mich in den letzten Jahren immer darin bestärkt hat, auf der richtigen Seite zu stehen:

Stell dir einmal bildlich vor, daß der Mensch, den du auf dieser Welt am meisten liebst, tot auf der Erde liegt; nackt, zerschunden, abgemagert, seiner Würde beraubt, zwischen lauter anderen Schicksalsgenossen in einer Gosse entsorgt wie Dreck.

Solange wir uns das noch vorstellen können und dabei Wut, Haß und Trauer verspüren; solange wir noch in der Lage sind, dieses Bild und dieses Gefühl an nachfolgende Generationen weiterzugeben, solange ist noch nicht alles verloren.
Darum darf es nie einen Schlußstrich geben, denn wir sollten uns dieser historischen Aufgabe und der Verantwortung, die aus ihr erwächst, immer bewußt sein.


Dienstag, 28. Januar 2020

Freitag, 24. Januar 2020

2020: Rückschläge revisited

Ich hatte eine vage Ahnung, daß 2020 nur antäuscht; zu gut lief alles seit dem Jahresumbruch.
Nun also "Die Papageienschaukel".
Es war bereits alles in trockenen Tüchern:
das Lektorat lief (wenn auch nicht durch Frau Turini, sondern meine Verlegerin höchstselbst), das Cover und der Klappentext waren in Auftrag gegeben, die Buchvorstellung war angemeldet, und was letzten Endes dabei herauskam, ist gerade komplett für den Arsch.
Ich mußte das Manuskript zurückziehen; der Fehler liegt bei mir, denn ich hatte mich ganz schnöde verkalkuliert.
Nach einer neuerlichen Rechnung schrumpften die erhofften 120 Seiten auf eine geradezu lächerliche Anzahl, und da ich nunmal ein Buch geschrieben habe und kein Reclamheft, schreit der Text nach einer gründlichen Überarbeitung.
Das heißt: alles Geschriebene noch einmal mit dem Rasiermesser in dünne Scheibchen schneiden, auffächern und dann möglichst sinnvoll unterfüttern. Und das wirft mich in punkto "Veröffentlichung" gerade im schlechtesten Fall um Monate zurück.
Da ich mich gerade durch eine Woche Nachtschicht würge und danach ein paar Tage freihabe, werde ich nun zumindest einige Leerlaufzeit (etwa nachts um halb drei) damit überbrücken, mir Gedanken und Notizen zu machen, damit ich Ansätze dazu habe, die sich angliedernde Erholungswoche sinnvoll zu nutzen.
Aber der Frust darüber, einen eigentlich veröffentlichungsbereiten Text noch einmal komplett von vorne beginnen zu müssen: dieses Gefühl ist zum Glück unbeschreiblich.

Samstag, 18. Januar 2020

Zehn Jahre: es nagt der Zahn der Zeit

Diesen kurzen Absatz habe ich nach Beenden des Beitrags diesem vorangestellt: eigentlich wäre das hier ein gutes vorläufiges Fazit zum zehnjährigen Blogjubiläum 2019 gewesen.
Aber damals war ich nachvollziehbarerweise mit anderen Dingen beschäftigt.

Interessant ist es, aus Gründen der Prokrastination mal wieder irgendwelche Uraltbeiträge aus diesem Blog zu lesen.
Vor genau zehn Jahren habe ich einen Verriß zu Philippe Djians rumpeldummem vorgeblichen Roman "Erogene Zone" geschrieben, und dieser Beitrag ist mir in seiner flapsig - hysterischen Geschwätzigkeit heute angemessen peinlich.
Ansonsten kann ich mich an einiges nicht mehr (oder nur vage) erinnern. Manches finde ich noch ganz amüsant (ich gehöre zu den gesegneten Menschen, die über ihren eigenen Schwachsinn lachen können), bei manchen Beiträgen frage ich mich, was die sollten beziehungsweise was mir zu dieser Zeit mit Mitte 30 offensichtlich ohne Nachhall durch das Stammhirn rauschte. Das Gefühl, das sich dabei entwickelt, oszilliert zwischen Selbstzufriedenheit und Scham.
Ich bin definitiv älter geworden. Damals hingen mir noch Überreste aus meinen wilden Zwanzigern an, die ich irgendwann unbemerkt abgeschüttelt oder bewußt von mir abgekratzt habe.
Gelassener scheine ich auch geworden zu sein; manchmal erstaunt mich die hektische Aufregung, mit der ich auf leicht zu ignorierende Alltagsphänomene reagiert habe. Und nicht nur das: sondern was für eine riesige Metaphernkeule ich geschwungen habe, um die damit auch ja mausetot zu hauen; für manches würden mir heute ein bis zwei überlegt plazierte Sätze reichen.
Aber: man wächst an seinen Aufgaben, und sei es die Suche nach seinem eigenen Stil.
Die Frage, warum man einen Blog startet, in dem es eigentlich in erster Linie um einen selbst geht, steht natürlich immer noch im Raum.
Heutzutage habe ich die Gewißheit, daß ich das in erster Linie für mich selbst tat.
Zwar habe ich in manchem Beitrag meine Meinung zu gewissen Dingen kundgetan und hoffte natürlich in einem verborgenen Winkel meines Gehirns, damit eine Diskussion anzustoßen, was aufgrund der auch heute noch geringen Reichweite lächerlich war.
Damals hatte ich an guten Tagen 25 Seitenzugriffe und an schlechten gar keinen, heute pendelt es zwischen 200 und 20; also nichts, was diesen Blog als ernstzunehmenden Beitrag für die Kulturlandschaft erscheinen ließe.
Zu faul, ein handschriftliches Tagebuch zu führen verbunden mit der Sorge, was nach meinem Ableben damit passieren und wer es dann lesen würde, war das ein guter Mittelweg, mein Leben zu memorieren.
Aber ich kann meine persönliche Entwicklung nachvollziehen, Lebensereignisse chronologisch sortieren und - auch wenn der Blog frei von allzu intimen Details ist - sehe ich hinter den Beiträgen auch immer meine jeweilige Lebenssituation und mein Befinden.
Manche Situationen waren um einiges prekärer, als es der jeweilige Beitrag vermuten läßt, und machen mich froh, sie gemeistert zu haben.

Aber alles in allem ist und bleibt das doch ein einziger egozentrischer Scheiß.
Wenigstens taugt er im Gegensatz zu meinem übrigen real existierenden egozentrischen Scheiß zumindest dazu, Sie zu unterhalten.

Freitag, 17. Januar 2020

Eine Runde Boule

Manchmal braucht es nur einen kleinen - neudeutsch - "Trigger", um am Morgen eines Urlaubstages, den man mit einer Tasse Kaffee und guter Musik (Eric B. & Rakim: Paid In Full, der Vollständigkeit halber angemerkt) den kompletten Emotionshaushalt durchgeschüttelt zu bekommen.
In diesem Fall war das eine Mitteilung aus dem Heimatbrief des Dorfes, in dem ich größtenteils aufgewachsen bin.
Dieser wird von der Gemeinde Zeiskam auch an sogenannte Exil - Zeiskamer versandt, also an Menschen, die irgendwann ebenda einmal gelebt haben und nun weggezogen sind.
Im Ort gibt es einen Partnerschaftsverein, der sich um die Verbindung zu den beiden Dörfern Roccastrada in Italien und Monts in Frankreich kümmert, inklusive Besuche von Menschen aus beiden Gemeinden, was ich für eine durchaus löbliche Initiative halte.
Da mein Vater italienisch wie auch französisch sprach, wurde er in solchen Fällen gerne als Dolmetscher bemüht.
Und heute lese ich also in besagtem Heimatbrief, daß dieser Partnerschaftsverein sein traditionelles Bouleturnier nach meinem Vater benannt hat, um an ihn zu erinnern; das mag eine kleine Geste sein, zeugt aber von derartiger Anerkennung für ihn und seine Arbeit, daß ich kurz extrem überwältigt war.
Ich habe - als ich mit meinem Vater einmal mehrere Tage allein auf Korsika war - versucht, meine Boulefähigkeiten zu verbessern.
Leider stellte sich dabei heraus, daß es nach Tischtennis, Fußball, Singen und Gitarre spielen noch etwas gibt, was ich gerne könnte, in dem ich aber weitgehend unfähig bin.
Noch schlechter war ich nur beim Versuch, mit meinem damals bereits über 60jährigen Vater in der Dorfkneipe in Guagnu beim Pastistrinken mitzuhalten und am nächsten Tag noch Boule zu spielen. Nach einem Heimweg mit beiderseits schwerem Seegang stand mein Vater um zehn Uhr morgens wie wiedergeboren auf der Matte, um zu einer verabredeten Partie auf dem Dorfplatz anzutreten, dabei eine auf einem gräßlich großen Kater reitende Gestalt im Schlepptau, die rudimentär an mich erinnerte und sich zehn Minuten später wieder verabschiedete, um für den Rest des Tages im Bett herumzuliegen und sterben zu wollen.
Das hinderte meinen Vater aber nicht daran, bei sengender Hitze - die obligatorische Selbstgedrehte im Mundwinkel klebend - bis zum frühen Abend massive Metallkugeln durch die Gegend zu werfen und sich - wie jeder aus der versammelten illustren Runde kauziger älterer Herren auch - noch einmal eine gepflegte Ladung alkoholischer Getränke ins Gesicht zu schütten.

Ich wage mal die kühne Behauptung: ein würdigerer Namenspatron für ein Bouleturnier wird sich nur schwerlich finden lassen.
Riposa in pace, babbu caru.

Mittwoch, 15. Januar 2020

Kerosin

Das Seuchenjahr 2019 hat mit seinem unwiderruflichen Verschwinden auf seinem Weg in den Orkus wie zum Hohn noch einen der Großartigsten mitgenommen.
An Heiligabend starb Bassist Dave Riley von Big Black, einer der innovativsten und interessantesten Noise- /Punkbands der 80er, im Alter von 59 Jahren an einem Krebsleiden.
Was Big Black für mich bedeuten, habe ich bereits in meinem Essay zum Album "Atomizer" hinreichend beschrieben.
Bei der aktuellen Ausgabe von "Radio Bronkowitz", in dem ich als Nachruf noch einmal (natürlich) "Kerosene" spielte, ward mir dann doch etwas melancholisch zumute.
Es ist eine Hymne ... und zwar vorwiegend eine, die man hauptsächlich nachvollziehen kann, wenn man in Prä - Internetzeiten auf dem Dorf oder in irgendeiner piefigen Kleinstadt aufgewachsen ist.
Eine große Wahl hatte man nicht. Entweder würde man mit 23 eine ehemalige Klassenkameradin aus demselben Ort oder dem Nachbardorf heiraten, zwei Kinder zeugen und den Rest seines Lebens zwischen den Fixpunkten "irgendwann völlig leidenschaftslose Ehe", "Dorfkneipe", "verhaßter Job" und "Hausbau" flipperkugelesk herumspringen und in der Gemeinschaft Anerkennung als "anständiger Kerl" ernten ... oder ausbrechen und dafür in Kauf nehmen, daß einen plötzlich niemand mehr verstand.
Ich und einige andere entschieden uns für letzteres, und zwar sehenden Auges.
Denn was blieben uns für Alternativen? Diejenigen, die Big Black auf den Punkt gebracht hatten, und zwar in einem Text, dessen Allgemeingültigkeit für uns in unserer Situation fast schon in Stein gemeißelt war:

I was born in this town
Live here my whole life
Probably come to die in this town
Live here my whole life
Never anything to do in this town
Live here my whole life
Never anything to do in this town
Live here my whole life
Probably learn to die in this town
Live here my whole life
Nothing to do, sit around at home
Sit around at home, stare at the walls
Stare at each other and wait till we die
Stare at each other and wait till we die
Probably come to die in this town
Live here my whole life
There's Kerosene around, something to do
There's Kerosene around, she's something to do
There's Kerosene around, she's something to do
There's Kerosene around, we'll find something to do
Kerosene around, she's something to do
Kerosene around, set me on fire

Genau so war es. Und weil wir aus dieser Sackgasse flüchten wollten, fanden wir den Antrieb, ohne Rücksicht auf die Meinung anderer ein selbstbestimmtes Leben führen zu wollen, und zwar eines, das unseren Erwartungen entsprach und weder denen unseres Umfelds noch unserer Familie.
Nicht jeder übersprang diese Hürde erfolgreich oder mit den richtigen Methoden. Aber die, die sie gemeistert haben, sind mit Sicherheit nicht mehr dieselben, die sie ohne diesen Entschluß geblieben wären, auch wenn sie vielleicht wieder in einem Dorf wohnen, verheiratet sind und eine Familie gegründet haben.
Für diese Phase in meinem Leben wird "Kerosene" immer der Song sein, der meine damaligen Gefühle exakt widerspiegelt. Und als ich ihn gestern Abend aus diesem traurigen Anlaß hörte, glomm tatsächlich kurz das Gefühl auf, auch einem Teil meiner Jugend gerade einen Nachruf gewidmet zu haben. Und das wird wohl leider nicht das letzte Mal gewesen sein.

R.I.P. Dave Riley.

Sonntag, 12. Januar 2020

1978

Wie bereits erwähnt, ist meine erste musikalische Erinnerung "Hello Goodbye" von den Beatles.
Meine Mutter hatte das auf 7" - Single (aus irgendeiner Serie, mit "I Am The Walrus" auf der Rückseite) und ich fand als Vierjähriger die Männer auf dem Cover total nett.
Deshalb mußte sie mir den Song auch so oft vorspielen, bis sie ihn vermutlich selbst nicht mehr hören konnte; mein "Mami! Schbiedels(mit Bandnamen hatte ich es damals nicht so)! Bitte!" läutete immer ein Ritual ein, bei dem ich auf einem Stuhl sitzend andächtig dabei zusah, wie sie die Abdeckung des Plattenspielerfossils anhob, um das schwarze Scheibchen darauf zu plazieren.
Auch heute noch löst der Song in mir geradezu eine Kette an Erinnerungen aus, die an dieser einen aufgehängt ist.
Nachdem ich zur Feier meines derzeitigen Urlaubs nun seit längerem wieder die "Magical Mystery Tour" herausgekramt habe, was irgendwie auch meinem gestrigen Beitrag geschuldet ist (danke, Linus Volkmann) und feststelle, daß diese Platte einen Sonntagmorgen zu einem besseren macht (sofern man es rechtzeitig schafft, vor "All You Need Is Love" auszuschalten), fiel mir passend zum "Magical" gerade wieder ein, daß ich tatsächlich einmal dachte, zaubern zu können.
Denn damals, als wir noch in Zeiskam (Pfalz) wohnten, fuhren wir dreimal ins benachbarte Bellheim, laut meinen Eltern um "Freunde" zu besuchen, die ich noch nie gesehen hatte.
Ich erinnere mich daran, daß der Mann Polizist war, dessen Dienstmütze an einer Ecke des Kleiderschranks hing; als Kind natürlich ein beeindruckender Anblick. Wow, ein echter Polizist!
Zudem hatte er einen gräßlich langen Ziegenbart, was bis zum Ausbruch der Crossoverseuche in Verbindung mit Kopfsockenzwang Anfang der 90er ein recht seltener Anblick war. Das machte diesen aber nicht schöner, und für mich war das damals der häßlichste Mann, den ich je gesehen hatte.
Falls zu der Zeit in mir eine Neigung dazu geschlummert hätte, irgendwann schwul zu werden, hätte sich das spätestens danach erledigt gehabt.
Ich lief durch die Wohnung unserer "Freunde", tatschte zwei oder drei Möbelstücke an und stellte mir vor, diese wegzaubern zu können. Als Kind hatte ich eine blühende Phantasie und erging mich oft in abstrusen Gedankenspielen; eines, das mir noch einfällt ist das Vorhaben, eine Blumensuppe zu kochen und dafür eine Zutatenliste zu erstellen. Warum the fuck auch immer.
Ich berührte also eine große Holzkommode und konzentrierte mich darauf, sie verschwinden zu lassen.
Und tatsächlich: bei unserem nächsten Besuch war sie weg, wie zwei oder drei andere von mir angefaßte Einrichtungsgegenstände auch. Überwältigt von meinem Erfolg (und weil ich sichergehen wollte, daß das auch mit mir zusammenhing) konzentrierte ich mich mit aller Macht auf einen herumstehenden Stuhl
Dieser war dann beim nächsten Besuch immer noch da, aber dafür war fast die ganze restliche Wohnung leer. Der Beweis dafür, daß ich leider doch keine magischen Kräfte hatte.
So mußten also unsere Vormieter ihren Umzug ganz traditionell noch selbst erledigen und den Kram die Treppen heruntertragen, bevor ich dann im Sommer 1978 mit meinen Eltern in der besagten Wohnung einzog.