Samstag, 2. Januar 2016

Schadenfreude 2016

Kurz vor dem Jahreswechsel kam mir via SWR- 1- Dauerbeschallung an meinem Arbeitsplatz eine Umfrage zum Thema "Feuerwerk" zu Ohren.
Allerlei Möchtegernkanoniere teilten der Welt (oder zumindest dem Südwesten) mit, wieviel sie sich ihre angedachte Böllerei hatten kosten lassen. Summen zwischen 300 und 400 Euro waren da keine Seltenheit.
Natürlich läßt es sich im Glashaus als Raucher und Plattensammler schwer mit Steinen werfen, deswegen verzichte ich wohlweislich auf den mahnend erhobenen "Brot statt Böller"- Zeigefinger. Zumal ich zugegebenermaßen in den letzten zwanzig Jahren ins Erzeugen von Korditrauch genausowenig Geld investiert habe wie in den Reisbrei kongolesischer Vorschulkinder.
Was ich jedoch vollends befremdlich finde, ist dieser Hautgout von silvesterlichem Schwanzvergleich via Pyrotechnik, wie er auch Wochen vorher bei der Weihnachtsdekoration - diesmal in Form einer immer infernalischeren Kitschexplosion - allmählich Einzug hält.
Und wenn Familie Meier von gegenüber um Mitternacht alles im Umkreis von zehn Metern einäschert, kann das Vater Müller schlecht auf sich sitzen lassen und muß jetzt aber mal eine Batterie auffahren, die ihresgleichen sucht. Es hat fast etwas stalinorgeleskes.
Silvester 2015 verbrachten wir bei Freunden in KA - Grünwinkel, das wie der Rest der Gegend unter einer Nebeldecke lag, die den Himmel in einen undurchdringlichen Brei verwandelten, so daß vom III. Weltkrieg diesmal so gut wie nichts zu sehen war, allenfalls zu hören... und auch dem ganzen Geballer und Geheule ging im Vergleich zu den Vorjahren erstaunlich frühzeitig ein großer Teil der Luft aus.
Und ich stand auf einem Balkon, blickte in die milchige Trübnis und konnte mir ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen.
Entweder wurde der Komplettvorrat blind verblasen, oder in der Hoffnung auf die kommende Fußball- EM eingelagert... aber der Großteil aller Schwänze blieb in der Nacht sauber in der Buxe.

Donnerstag, 31. Dezember 2015

R.I.P. ohne "n"

Es ist komisch, daß ich in letzter Zeit trotz einer Überfülle an Themen nicht mehr gepostet habe.
Die Anschläge von Paris, die Regionalwahlen auf Korsika und der daraus resultierende Skandal (dazu komme ich mit Sicherheit noch): momentan hat das böse Facebook die Rolle meines "Sprachrohrs" übernommen, wenn ich einfach mal schnell einen Kommentar loswerden will.
Doch das Dahinscheiden des Godfathers Of Rock'n Roll lockt mich jetzt mal wieder aus der Reserve:






Der "Blitz- Krebs", den das Drecksblatt mal wieder in seiner Dauer- Debilität attestieren mußte, fiel eigentlich jedem auf, der die letzten medialen Auftritte eines augenscheinlich völlig ausgezehrten Mannes illusionslos verfolgte, weswegen mich sein Tod nicht gerade auf dem komplett falschen Fuß erwischte.
Als mich Frau Turini mit den Worten "Du mußt jetzt ganz stark sein. Lemmy ist tot" gestern kurz nach dem Aufwachen mit der Hiobsbotschaft überfiel, reagierte ich gelassener, als ich das vor zwei Jahren höchstwahrscheinlich noch getan hätte, dermaßen hatte ich in letzter Zeit täglich mit seinem Ableben gerechnet.
Erst als wir uns abends adäquat verabschiedeten (beim Lemmy- Gedächtnis- Saufen samt lauter Motörheadbeschallung in einer Kneipe unserer Wahl), dockte eine tiefempfundene Traurigkeit an, weil der Grund unseres Gelages nun mal kein angenehmer war.
Interessant war, daß ich mich in den 80ern mal verlesen und diese Fehlinformation unerschütterlich abgespeichert hatte:
seit dreißig Jahren hätte ich Stein auf Bein geschworen, Lemmy hieße KILMINSTER. Und ich las überall automatisch "Kilminster", sogar in seiner Autobiographie, die ich mir in meinem gut 25jährigen Fandasein ebenso besorgt hatte wie sämtliche Motörhead- Studioalben.
So saß ich nun vor dem Fernseher und wunderte mich, warum zur Hölle alle Medien über Lemmy KILMISTER redeten, nur weil scheinbar irgendein Depp bei der dpa ein "n" vergessen hatte, bis mich ein Hinweis aus Forenkreisen (danke, Heiner) zum Nachsehen brachte und verhinderte, daß ich den Fehler dereinst mit in meine Urne nehmen würde.
Aber egal. Am Ergebnis ändert das sowieso nichts mehr: einer der Allergrößten ist von uns gegangen, wenn auch im recht soliden Rockstaralter von 70 Jahren.

Cheers, Lemmy, und gute Reise.

Dienstag, 3. November 2015

Mike Schmitzer (Altöttinger Wochenblatt)!

Sie stellen in ihrer Kolumne genau die richtigen Fragen:

"So sicher wie das Amen in der Kirche, folgt auf jeden asylkritischen Kommentar ein Gegenkommentar, in dem die Nazikeule geschwungen wird. In diesen Gegenkommentaren fallen dann Begriffe wie „dämlich“, „uninformiert“, „eine Schande für Deutschland“ und natürlich „rechtsradikal“. Diese Gegenkommentatoren treten oft derart zornerfüllt, massiv und beleidigend auf, dass man sich fragt, wo denn deren Menschenfreundlichkeit den eigenen Mitbürgern gegenüber geblieben ist?
 
Ja glauben diese Eiferer denn wirklich, dass man dem Rentner, der jungen Mutter und der Verkäuferin die Ängste nehmen kann, indem man sie beleidigt und in die rechte Ecke stellt (nachdem man sich vielleicht noch über ihre Rechtschreibfehler lustig gemacht hat)? Damit treiben sie doch erst recht einen Keil in unsere Gesellschaft."

Das will ich doch hoffen. Her mit dem Keil.

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Onkel Akifs Hütte

Verachtung.
Nicht nur für öffentlich getätigte grunzdumme Aussagen, deren Rumpeligkeit ich anfangs noch als pure Lust an der Provokation sah; und obwohl die in ihrer ständigen Poltrigkeit nervtötend waren, mochte ich ungern in den Chor derjenigen miteinstimmen, die die üblichen Floskeln herunterbeteten.
Irgendwie dachte ich, das sei Kalkül, und er werde es schon nicht wörtlich meinen.
Nun bin ich schlauer. Akif Pirinccis Aussagen auf der Dresdner Deppendemo sind genauso ekelhaft wie sein Herangeschleime an diesen Menschenmüll in der Hoffnung, von diesem gemocht und akzeptiert zu werden.
"Ich war vielleicht mal ein Türk, aber jetzt bin ich einer von euch! Seht her! Deutscher als jeder Deutsche!"
Schwarze Amerikaner nennen so etwas "Onkel Tom".

Ich warte nun auf "Onkel Akifs Hütte".

Freitag, 16. Oktober 2015

Traumata und Triumphe

Als ich noch in KA- Mühlburg in meiner anderthalb- Zimmer- Dachwohnung hauste (samt einem leicht geistig behinderten Nachbar, der zwar ganz nett, aber auch sehr anstrengend war... zumindest wenn er zu den unmöglichsten Uhrzeiten ABBA hören mußte, um lauthals mitzukrähen) war es meine Lieblingsbeschäftigung, zu nachtschlafender Zeit den Tag Revue passieren zu lassen... oder das in die Tastatur zu hauen, was mir gerade durch die Rübe rauschte.
Zeit, an diese Tradition anzuknüpfen. Es ist gerade kurz vor ein Uhr, auf dem Plattenspieler dreht sich "Backstabbers" von den O' Jays und macht meine mit allerlei Platten, Büchern und DVD's vollgepropfte Höhle in meiner Zweier- WG irgendwie doch gemütlich, vor allem, wenn man sich kurz an die Arscheskälte draußen erinnert.
Bis Frau Turini und ich unseren gemeinsamen Haushalt gründen, was wohl in absehbarer Zeit geschehen wird, muß ich auch noch mit dieser Rumpelkammer voll Nerdkram zufrieden sein, und an solchen Abenden funktioniert das ganz gut..
Ihr (also der Frau, nicht der Bude) verdanke ich auch meinen morgigen Auftritt im KOOP in Taunusstein, welches einer sein wird, der mir neben einer ordentlichen Gage die Hoffnung einbringt, nun wirklich über den Punkt hinauszusein, an dem ich für Freigetränke lese.
Natürlich trete ich gerne vor Publikum auf. Schon als Kind war ich jemand, der immer im Mittelpunkt stehen wollte, egal wo, und daß ich das in meiner anfänglichen Schullaufbahn auch erreichte, nur mit für mich sehr unangenehmen Folgen (der absolute Loser steht nun auch einmal im Fokus, wobei das aber beim besten Willen kein erstrebenswertes Amt ist) verbuchen wir mal unter "zum Glück abgeheftete Vergangenheit".
Meiner Meinung nach gibt es zwei Arten von Menschen: eben die, die sich gerne in den Vordergrund drängen (oder zumindest gerne den Mut hätten, das zu tun, aber es nicht schaffen, die ich aber trotzdem tendenziell dazuzähle) und die, die sich gerne im Hintergrund halten.
Also Entertainer und Publikum. Und beides ist in Ordnung, denn keine der beiden Seiten kann ohne die andere existieren.
Das mag keine sonderlich tiefsinnige Erkenntnis sein.
Dennoch: nur, weil meine Möglichkeit, vor einem Publikum aufzutreten, ein tiefsitzendes inneres Bedürfnis befriedigt, heißt das nicht, daß ich etwas dagegen hätte, davon künftig einen Teil meiner Miete zahlen zu können.
Ich hatte schon immer meine Prinzipien, aber umsonst Leute zu bespaßen, nur um meine Kunst unter das Volk zu bringen, gehörte da noch nie dazu.
Es ist keine Schande, Geld zu verdienen, sogar viel davon. Entscheidend ist nur, wie man es verdient und für was man es ausgibt, deshalb sehe ich da zu meiner nach wie vor bestehenden Verweigerungshaltung der Werbung gegenüber absolut keinen Widerspruch.
Ich müßte mal eine ernsthafte Liste alle meiner öffentlichen Leseauftritte erstellen. Mittlerweile dürfte ich die 40 locker überschritten haben.

Einer meiner besten war mit Sicherheit der bei der Veranstaltung des "Kettenhund"- Literaturmagazins in der Speyerer "Salus- Bar" im August dieses Jahres, und bevor ich nun ewig aushole, poste ich einfach dies:








Oberes Selbstporträt natürlich zum Beweis, daß besagtes Iggy- Pop- T- Shirt meines war. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Mein schlimmster Auftritt ever- ich wiederhole in Blockschrift: EVER- war natürlich der auch hier im Blog verewigte zweite im Vereinsheim in München- Schwabing.

Dieses Desaster ist mittlerweile schon viereinhalb Jahre her und verfolgt mich immer noch gelegentlich.
Genau so muß es sich anfühlen, wenn man im Vollsuff und auf Drogen vor einer Menge von Leuten GG- Allin- Dinge tut, ohne GG Allin zu sein, weil man dann natürlich tot wäre... und am nächsten Tag ausgenüchtert realisiert, was da am Abend vorher passiert ist. Und dann feststellt, daß "Totsein" eigentlich gar keine so üble Alternative wäre.

Da ich aber Frau Turini dem Totsein zum jetzigen Zeitpunkt gegenüber deutlich den Vorzug gebe, muß ich wohl diesen glumpfigen Abend solange mit mir herumtragen, bis ihn Freund Hein oder zumindest eine fortgeschrittene Demenz endgültig aus meinem Bewußtsein tilgen.

Dienstag, 29. September 2015

Kneipengespräche

"...da war doch dieser Australier, der ein Lied mit Kylie Minogue..."
"Ja. Nick Cave."
"...also der, der so ähnlich klingt wie der englische Fußballtorwart... Seaman oder so..."
"Ja, Nick Cave. NICK CAVE."
"Nick Seaman, glaube ich. Wie der englische Fußballtorwart, der keinen Ball gehalten hat...."
"Nick Cave. Bin ich großer Fan. Ich hab alles von ihm.".
"...der mit Kylie Minogue, in dem Rosenbeet, wo sie dann absäuft. Wie hieß der nochmal?"
"Nick Cave, sag ich jetzt zum fünften Mal. Nick C-A-V-E."
"Ah ja, Nick Caveman, genau."
Ich geb's auf. Eine Stunde später:

"Ich hab's! Nick Cave and the Bad Seeds! Zum Glück ist mir das noch eingefallen!"

Montag, 28. September 2015

Mal was Grundsätzliches, Altenpfleger/in!

War ein Beitrag in meiner Pflegegruppe auf Facebook, aber ich denke, er sollte nicht darauf beschränkt bleiben.

ES GEHT UM DICH!
Was mir in der ganzen Diskussion um den Pflegenotstand auffällt: es wird immer davon gesprochen, daß dieser Notstand in erster Linie zu Lasten der Bewohner (Neusprech: "Kunden") geht, aber nie davon, daß er auch für uns selbst eine schwere Belastung bedeutet.
Sind wir bereits dermaßen konditioniert, daß wir es verlernt haben, unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu äußern? Wir sind fast keine Menschen mehr, wir sind nahezu altruistische Wesen, die gefälligst keine normale menschliche Regung mehr zeigen dürfen. Es wird ständig erwartet, daß wir nett und freundlich sind, niemals schlechte Laune haben, und immer zuvorkommend sind... selbst wenn wir von Bewohnern grundlos beschimpft, geschlagen oder mit Gegenständen (im schlimmsten Fall Fäkalien, alles schon erlebt) beworfen werden.
Unsere Privatprobleme sind nicht existent; in jeder anderen Berufsgruppe werden sie thematisiert, bei uns wird es als Zeichen der Professionalität gewertet, wenn wir sie uns nicht anmerken lassen.
Das soll KEIN Plädoyer dafür sein, unsere Launen an Bewohnern auszulassen, bitte nicht falsch verstehen. Aber ein Hinweis darauf, daß wir normale Menschen sind wie jede andere Berufsgruppe auch, ist durchaus angebracht.
JA, ich bin manchmal schwer genervt. JA, ich habe manchmal schlechte Laune und muß mich dann noch mit absichtlich verletzenden Äußerungen nichtdementer Bewohner herumschlagen, ohne ausfällig zu werden, da sie ja schließlich Geld bezahlen, was sie in den Augen der Öffentlichkeit berechtigt, die größten Kotzbrocken zu sein.
JA, es regt mich auf, wenn Leute aus unserem Berufsstand öffentlich äußern, daß sie es ja irgendwie toll fänden, wenn sich Bewohner uns gegenüber daneben benehmen, denn "wenn ich im Heim wäre, würde ich das genauso machen, höhöhö" und dafür auch noch beklatscht werden, anstatt man sie zwingt, mal ein komplettes Wochenende in Unterbesetzung Teildienst zu machen und sich dann mit einem eingestuhlten Bewohner herumzuplagen, der während der Pflege schreit und schlägt.
Pflege ist mein Beruf, nicht meine Berufung. Ich verdiene damit meinen Lebensunterhalt, obwohl man fast schon das Gefühl vermittelt bekommt, deswegen ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Aber ich bin nicht Mutter Teresa, und auch, wenn ich versuche, meinen Beruf bestmöglich zu machen, habe ich doch kein Bedürfnis danach, mich aufzuopfern, auch wenn das manche Leute außerhalb unseres Tätigkeitsbereichs scheinbar voraussetzen.
JA, es geht um die Bewohner. Ich möchte, daß sie zufrieden sind und optimal versorgt werden.
Aber es geht auch um DICH und MICH.
Unsere Nerven, unsere Rücken, unsere Gelenke, unser Privatleben.
Es ist eigentlich schon bizarr, Leute daran erinnern zu müssen.