Freitag, 1. Februar 2019

Zwischenspiel mit Ofenkäse

Heute Abend auf dem Heimweg von der Arbeit in der S5.
Irgendwann steigt ein älterer Mann mit geschätzt 2,8 Promille Standgas zu, der in unregelmäßigen Abständen in bester Westernhagenmanier "It's my life" durch den Mittelgang röhrt, was wohl mit gutem Willen als Gesangsversuch durchgehen würde.
"It's my life", sonst nichts. Dann zwölf Sekunden Pause, und "it's my life".
Erstaunlich ist nur, daß die übrigen Mitfahrer zwar versuchen, das Gepöhle und Genöhle zu ignorieren und dabei möglichst unbeteiligt auszusehen, aber dieses vorgebliche Unbeteiligtsein völlig verkrampft wirkt und eine dermaßen unerträglich gespannte Atmosphäre erzeugt, daß man das Gefühl hat, ein herzhaftes "halt's Maul, du Vollpfosten" würde diese ohne weitere Konsequenzen lösen.
Aber es bleibt aus, auch von mir, bin ich doch viel zu sehr damit beschäftigt, unbeteiligt auszusehen.
Ja, mein Heimweg von der Arbeit: noch bin ich ja bis Ende Februar Altenpfleger, bevor ich meine Arbeitskraft den Mächten des Wahnsinns zur Verfügung stelle, und als solcher wurde ich dieser Tage Zeuge, wie nekrotisches Gewebe auf einer Beinganggrän entfernt wurde.
Ich wurde schon öfter Zeuge, wie nekrotisches Gewebe von irgendwas entfernt wurde und kann Ihnen glaubhaft versichern, daß das zu den Dingen im Leben gehört, die man wirklich nicht gesehen haben muß. Ich bin mir sicher, daß man auch hernach auf dem Sterbebett liegen und sein Leben Revue passieren lassen kann, ohne daß unter den Sachen, die man tragischerweise verpaßt hat, zwischen Sexorgien und einer Rockstarkarriere die Entfernung nekrotischen Gewebes von einem Decubitus am Steiß auftauchen wird.
Nichtsdestotrotz liegt aber darin das Geheimnis für meinen abgrundtiefen Ekel vor Ofenkäse, ohne diesen jemals probiert zu haben.
Denn das hat dieser Beruf aus mir gemacht: als ich Fernsehwerbung für besagtes Produkt sah, in der eine knusprige Kruste abgehoben wurde und darunter gelber Madder Fäden zog, dachte ich nicht etwa an Eßbares, sondern meine erste Assoziation war oben genannte, und ich wollte in dem Moment nur noch einen Eimer, um mich schwallartig hinein zu übergeben. Und so geht es mir bis heute, wenn ich auch nur an Ofenkäse denke, und das passiert häufiger, als mir lieb ist, denn Frau Turini ist verrückt nach dem Zeug.
Als nicht in der Pflege Tätiger erscheint Ihnen dieses Verhalten vielleicht rätselhaft, aber Leute mit demselben Beruf dürften wissen, was ich meine und im schlimmsten Fall bei der Erwähnung von Ofenkäse nun auch von diesen Bildern heimgesucht werden, und ich bin schuld daran.

Sie brauchen mir nicht zu danken, sowas tu ich doch gerne.

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