Mittwoch, 12. Oktober 2011

9. Unsane: Scattered, Smothered & Covered

(erstmals veröffentlich am 06.01.2010, überarbeitet am 12.10.11)





Veröffentlicht:
1995

Erworben: 1995
im: Drogeriemarkt Müller (!), Landau/Pfalz

Trackliste:


1. Scrape
2. Alleged
3. Blame Me
4. Out
5. Can't See
6. Get Off My Back
7. Blew
8. Empty Cartridge
9. No Loss
10. Test My Faith
11. Ruin
12. Swim


Band:

Chris Spencer (voc/gt)
Dave Curran (Bass)
Vinnie Signorelli (dr)



Body Bomb

Irgendwann in Stuttgart, es muß ungefähr Mitte der 90er gewesen sein.
Unsane (in der bis heute gültigen Besetzung Chris Spencer, Dave Curran und Vinnie Signorelli), die gerade "Scattered, Smothered & Covered" veröffentlicht hatten, spielten einen furiosen Gig vor ca. 15 Zuschauern.

Die Band war laut Hörensagen bis dahin schon extrem geprüft worden... Charlie Ondras, der erste Drummer, der unter anderem auch bei Boss Hog spielte, war vom Heroin dahingerafft worden und Pete Shore, der ursprüngliche Basser, hatte aus irgendwelchen obskuren Gründen den Verstand verloren und sich in seiner New Yorker Wohnung verbarrikadiert, um sie jahrelang nicht mehr zu verlassen. Doch das sollte nur die Spitze des Eisbergs sein.

Nach der Show stiegen Chris und Vinnie zu uns herunter und luden uns ein, mit ihnen Party zu machen, denn mein Kumpel Rene war mal wieder dabei, den sie durch seine Labelarbeit kannten.
Ausschlagen konnten wir das Angebot natürlich nicht... und selten trat eine Band dermaßen freundlich, unarrogant und entgegenkommend auf.
Der Abend endete in einem Inferno aus Wodka Gatorade, Bier und Rauchwaren backstage... und spätestens, als Chris Spencer sich seines T- Shirts entledigte und oberhalb der Ärmelgrenze ein Einstichloch nach dem anderen sichtbar wurde, war klar: diese Jungs haben die Abgründe des Lebens kennengelernt.

Ich erfuhr eine Menge über eine Band, die bis heute zu meinen absoluten Favoriten zählt, da ein sichtlich gut eingeräumter Chris diverse Anekdoten aus seinem Leben zum besten gab, die von anderen Anwesenden verifiziert wurden... ein übles Konglomerat aus jahrelanger Heroinsucht, Obdachlosigkeit und Gewalt, das man diesem immer noch ausnehmend freundlichen Schreihals trotz der Brülligkeit seiner Musik niemals zugetraut hätte. Weiter ins Detail zu gehen, verbietet mir der Vorsatz, diverse der Geschichten vertraulich zu behandeln.
Aber das war noch nicht der traurige Höhepunkt... nachdem er 1998 auf der "Occupational Hazard"- Tour bei einem Konzert in Wien von irgendwelchen Assos halb totgetreten worden war und uns ebenfalls wieder backstage in Stuttgart eine gut 30 cm lange OP- Narbe zeigte, die daher rührte, daß ihm Teile des durch die Tritte verletzten Dünndarms entfernt werden mußten, wußte man einfach, warum die Band nicht anders klingen kann als ein Haufen Berserker, der dafür sorgt, daß man schon vom bloßen Anhören Schaum vor dem Mund kriegt.
Wer wirklich aus der niedersten Gosse kommt wie diese Jungs und Erfahrungen gemacht hat, die auf irgendeine Art und Weise verarbeitet werden MÜSSEN, kann keine schönen Melodien schreiben.

Wait To Lose

Die Bandgeschichte, sie muß kurz angerissen werden, da sie einige Dinge im voraus erklärt.

Das gleichnamige Debüt, das 1991 die Menschheit heimsuchte, wies schon nahezu alle Elemente auf, die die Band bis heute beibehalten hat.
Ein obligatorisches Blut- und Splattercover, das ich sensiblen Gemütern hier ersparen möchte, und das auf künftigen Platten (abgesehen vom Debüt und dem hier besprochenen Album) zumeist gestellt war, sowie die fruchtbare Zusammenarbeit mit Undergroundfilmer Richard Kern.

Die Musik: beulig mutierter Noiserock mit Blues- und Classicrockelementen, interessanterweise ziemlich weit von Metal entfernt, jedoch für Normalhörer dennoch ungenießbar... ein Soundbrei aus Gebrüll und Distortion, komplett durch den Verzerrer gejagt.

1992 folgte eine Singlescompilation, da die Band bislang hauptsächlich 7"es veröffentlicht hatte (und sich die Mitglieder mit ihrem ironiefreien Cover von "Four Sticks" auch als große Led- Zeppelin- Fans outeten).
1992 starb Charlie Ondras und wurde durch den Ex- Foetus- und Swansdrummer Vinnie Signorelli ersetzt, der nicht nur gut 10 Jahre älter war als der Rest der Band, sondern ihr auch einen straighteren Sound verpaßte.
Zu der Zeit galten Unsane in der damals florierenden Noiserockszene bereits als negative Ausnahmeerscheinung... räudiges, asoziales Pack, das beispielsweise von Steve Albini abgrundtief gehaßt wurde.

Umso verwunderlicher, daß die Band im Boom Anfang der 90er, als Majors alles unter Vertrag nahmen, was "anders" klang und eventuell ein zweites Nirvana versprach, mit "Total Destruction" auf Atlantic erschien.
Zwar enthielt das Album mit "Body Bomb" samt zugehörigem, wieder von Richard Kern gedrehten Clip, in dem sich ein Psychopath in einem Gebäude, das fatal an das WTC erinnert, mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft jagt (was natürlich dafür sorgte, daß der Clip seit 2001 nirgends mehr zu sehen ist) einen absoluten Bandklassiker, verkaufte sich aber in ganz Europa nach zuverlässigen Quellen exakt 980- mal. Soweit zum Majordeal.

Danach Abgang Pete Shore, Auftritt Dave Curran, ein netter Junge mit Baseballcap, an dem nicht nur irritierend war, daß er eine Pumpgun auf den kompletten Unterarm tätowiert hatte, sondern in seinem Konsumverhalten und der Art, Konflikte zu regeln, dem Bandleader in nichts nachstand.
Vinnie Signorelli dagegen war der ruhende Pol der Band, der einzige, der wohl etwas Vernunft beizutragen hatte und weitgehend skandalfrei blieb, doch auch er konnte den Split der Band nach dem "Scattered"- Nachfolgealbum "Occupational Hazard" nicht verhindern.
Danach kehrte erst mal Ruhe ein... Dave und Chris lärmten in Seitenprojekten herum (das- sehr empfehlenswerte- von Chris hieß Cutthroat 9 und verfolgte den Unsane- Bluesrockeinschlag ein paar Meter weiter, klang aber dennoch wie eine Art Unsane light), bis plötzlich aus dem Nichts zu meiner großen Freude fünf Jahre nach dem Split mit der Song- und DVD- Compilation "Lambhouse" die Reunion eingeläutet wurde.
Darauf folgte das ganz okaye Album "Blood Run" (2005), bis die Band mit "Visqueen" 2007 die wohl beste und abwechslungsreichste Platte ihrer Karriere veröffentlichte, um gleich darauf zu verkünden, sie läge nun wohl wieder auf Eis.

Der mittlerweile in Würde gealterte und sein Leben wohl endlich im Griff habende Chris Spencer wohnt inzwischen phasenweise in Berlin, wo auch das Album "Halo" mit seinem neuen Projekt Celan entstand, das klingt, wie... ähm, Unsane.
Aber diesmal mit Geräuschspielereien, Postrockeinflüssen und verhaltener Elektronik.
Ein dauerhafter Aufbruch zu neuen Ufern? Wegen mir muß das nicht unbedingt sein.
Im Team der "dürfen auch 30- mal eine ähnliche Platte aufnehmen"- Bands stehen Unsane bei mir gleichberechtigt neben Slayer und Motörhead.

Scattered, Smothered & Covered


Ein simples Riff mit eingestreuten Wah- Wah- Effekten, und dann kommt das Geschrei, das aus einem noch halbwegs normalen, harten Rocksong mit verzerrten Gitarren und Distortion eine blutige Schürfwunde macht.
Lustigerweise war "Scrape" so etwas wie der einzige Hit der Band. Notorisch klamm wie sie war, stimmte sie einer Idee eines Herausgebers eines Skatemagazins zu, für lächerliche 150 Euro ein Video zusammenzustoppeln, das aus einer Reihe aneinandergeklebter Skateboardunfälle besteht, worauf MTV im Prä- "Jackass"- Wahn den Song auf "Heavy Rotation" setzte und somit einen aus der Verlegenheit entstandenen Billigclip aufwertete.

"Alleged" dagegen beginnt mit einer prägnanten Baßlinie und- tatsächlich- einer Mundharmonika, um dann nach dem Intro förmlich zu explodieren.
"Diese Platte würde ich meiner Freundin schenken, wenn sie die Angewohnheit hätte, mir beim Sex in die Eier zu treten... [...] und dann kommt der Mann mit der Mundharmonika, um zu vergewaltigen und zu töten."So die geisteskranke INTRO (diesmal das Magazin)- Rezension zu der Platte. Scheinbar fehlen einem da echt die Worte. Interessanterweise ist fast das ganze Album im Midtempo gehalten und steht musikalisch herkömmlicher Rockmusik mit Sicherheit näher als Slayer oder Mike Patton, und trotzdem scheint es Rezensenten und Hörer mit seiner Ruppig- und Sperrigkeit förmlich zu überrollen.

Bisher habe ich noch keine (!) Rezension- egal zu welcher Platte der Band- gelesen, in der nicht irgendwelche Gewaltmetaphern aus der Kopfschlächterei auftauchten (wozu die Covers mit Sicherheit auch ihren Teil beitragen).
Hört man Track 4 namens "Out", der an einen Bandschleifer erinnert und bei dem Chris Spencers Geifer förmlich aus der Box tropft, mag man das nachvollziehen können. Man hat einfach das Gefühl, jemand schmirgelt sich in einem Anfall von Wahnsinn die Haut vom Arm und macht den Schmerz dabei hörbar nachvollziehbar. Schwer leiernde, sägende Gitarren samt mutiertem Bluersrockriff, das aus dem Hintergrund unheildräuend hereinschneit, und ein Break vor dem Refrain... zwei, drei Atemzüge Pause vor einem Faustschlag in die Fresse.

Track Nummer 3 ("Blame Me") einer der beiden voranpreschenden schnelleren Songs der Platte, ist dagegen fast schon eine Befreiung von den ganzen zähen emotionalen Exzessen, denn darum geht es in den Texten hauptsächlich.
Auch wenn es die Covers anders vermuten lassen würden, werden keine körperlichen Gewaltexzesse abgearbeitet, sondern in erster Linie geht es um das Scheitern menschlicher Beziehungen, artikuliert an dem Punkt, an dem man es am Schlimmsten empfindet, um Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und die unsortierte Wut, die man in solchen Lebensphasen empfindet.

Wer nun wieder kopfschüttelnd den Spruch aus der Kategorie "das ist doch negative Musik, die keinerlei Lebensfreude ausdrückt" herauskramt, dem sei gesagt: davon abgesehen, daß es vermessen ist, von ehemals obdachlosen Junkies mit Knasterfahrung Texte über Lebensfreude zu verlangen, kann er auch nicht nachvollziehen, welch karthatischen Effekt diese Musik hat.
Diese Impulsivität und Explosivität, diese Ventilfunktion, die negative Energien einfach unter Hochdruck aus dem Körper entweichen läßt, anstatt daß man sie selbstmitleidig in sich hineinmümmelt, ist dem Wohlbefinden um einiges zuträglicher, als jemandem mit schlechter Laune die pure Lebensfreude demonstrativ unter die Nase zu reiben.
Davon abgesehen, daß ich die Platte auch hören kann, wenn draußen die Sonne scheint, ich blendend gelaunt bin, die Wiese blüht und tausend nackte Nymphen darauf tanzen, ohne daß es mein Gemüt auch nur ansatzweise verfinstert.

Weiter geht es mit "Can't See", das ein dominierend nervtötendes, Loopings schlagendes Noiserockriff auffährt sowie einem grummlig- brummelnden Fast- Instrumental namens "Get Off My Back".
Zwei Songs seien noch gesondert erwähnt, bis ich meine Rezension aus den üblichen Gründen ("alles gesagt") hier schließen will:

"Empty Cartridge" ist das beste Stück der Platte. Punkt. Ein kurzes Baßintro, bevor dann mehrfach übereinandergetürmte Gitarrenschichten alles plattwalzen, was da kreucht und fleucht.
Und auf "No Loss" darf dann mal Dave Curran herumschreien, klingt aber wie Chris Spencer, der die hohen Töne nicht mehr trifft. Nichtsdestotrotz ein guter Song (ja, Song... denn solche schreibt die Band tatsächlich), auch wenn man das Gefühl hat, daß jemand gesangstechnisch mit dem Fuß auf der Bremse steht.

Get Off My Back

Wieder mal eine Platte abgehakt... und zwar die einer Band, die ich seit Jahren unverändert großartig finde. Die ich bereits achtmal live gesehen habe. Von der ich mir nach wie vor alles ungehört kaufen würde. Die in mancher Phase meines Lebens sehr wichtig für mich war. Die trotz ihrer Vorgeschichte Fans gegenüber sehr sympathisch und offen gegenübertritt, ohne irgendwelche Allüren.

Habe ich irgendwas vergessen? Ich denke nicht, alle Kriterien für die Aufnahme in diese Liste sind erfüllt.
Somit bis zum nächsten Mal.



Dave Curran, Vinnie Signorelli, Chris Spencer

Montag, 10. Oktober 2011

8. Big Black: Atomizer

(erstmals veröffentlicht am 15.03.2009, überarbeitet am 10.10.2011)





Erscheinungsjahr: 1986

Erstanden:
irgendwann Mitte der 90er auf einer Plattenbörse in Landau/Pfalz

Trackliste:

1. Jordan, Minnesota
2. Passing Complexion
3. Big Money
4. Kerosene
5. Bad Houses
6. Fists Of Love
7. Stinking Drunk
8. Bazooka Joe
9. Strange Things
10. Cables (Live)

Alles begann mit "Kerosene":

"They have been classified as noise rock, and were a formative influence on industrial rock, but the band members have always described the band as punk rock; in the notes for Pigpile, a live recording of their final London performance, Albini explicitly describes Big Black as punk."

So spricht Wikipedia... nichtsdestotrotz war mein erstes Zusammentreffen mit "Kerosene" ein ziemlich bizarres. Ich kannte bereits die "Uranus"- 7" von Shellac und begann, mich allmählich für Noiserock und die damit verbundene Szene zu interessieren... den ungezogenen, politisch manchmal höchst unkorrekten Ableger der Punkbewegung, der deswegen von einem Teil der damaligen Politpunks auch aus tiefstem Herzen gehaßt wurde. Verbale oder gar handgreifliche Auseinandersetzungen gab es damals auch, und ich stand noch mittendrin, bzw. saß zwischen allen Stühlen, man mag es nennen, wie man möchte.

Jedenfalls befand ich mich in unserem damaligen Stammladen, der "Katakombe" in Karlsruhe (ein Kellerklitschen- Urgestein, das schon seit den 70ern existiert und auch in etwas veränderter Form in Kapitel 5 von "Kreisklassenhölle" auftaucht) auf der Tanzfläche, damals noch in korrektem Outfit (abgeschnittene schwarze Bundeswehrhosen, Docs mit roten Schnürsenkeln, kariertes Hemd, schwarzgefärbte Haare... ächz), als plötzlich eine Marimba ertönte. Dachte ich jedenfalls. Gefolgt wurde diese von einem monotonen, elektrisch klingenden Stampfer, der durch etwas, was wie ein Dudelsack klang, schmerzhaft verzerrt wurde.
Es war zumindest mal etwas, was ich in dieser Form noch nie gehört hatte... und der Text, meine Güte:

I was born in this town
live here my whole life
probably come to die in this town
live here my whole life
never anything to do in this town
live here my whole life
never anything to do in this town
probably learn to die in this town
live here my whole life
nothing to do
sit around at home
sit around at home
nothing to do
stare at the walls
stare at each other
wait til we die
stare at each other
wait til we die
probably come to die in this town
live here my whole life
theres Kerosene around
something to do
theres Kerosene around
she's something to do
theres Kerosene around
find something to do
theres Kerosene around
shes something to do
theres Kerosene
set me on fire...Kerosene [...]


Und so ging es weiter, einmal gehört, hämmerte sich das ins Gehirn, drückte alles aus, was wir vom Dorf damals dachten, fühlten und vor Augen hatten. Dieser Text hat mich später noch oft inspiriert, als ich den Versuch begann, mich selbst künstlerisch zu betätigen... sei es bei einem Schulprojekt auf dem zweiten Bildungsweg, als wir einen Video-Kurzfilm namens "Kerosin" drehten, sei es beim Schreiben... Dieser Song zieht sich wohl als eine Art Leitmotiv durch mein Leben.

Übrigens gibt es davon eine Spezialversion, in der eine Art Fernsehansagerin auf Deutsch (!) über das Intro spricht und einen Vortrag über das "Plink" und "Ploing" der Gitarren hält..."und der Rest ist Computer".

Anschließend ging es mit mir und Big Black wie folgt weiter:

als ich dann bei einem guten Kumpel von mir (Rene Herbst, der zu jener Zeit noch das Gasoline- Boost- Label betrieb, das einige der bizarrsten Noiserockalben in der Geschichte der Menschheit veröffentlich hatte und damals noch drölftausend superwichtige Leute kannte... was ganz praktisch war, weil ich dadurch zum Beispiel auch in den privilegierten Genuß kam, mit Unsane backstage abzuhängen oder umsonst aufs Barkmarket- Konzert zu kommen), den ich damals -es müßte 1993 oder 1994 gewesen sein- gerade kennenlernte (erster Kontakt kam übrigens zustande, als er mich beim Trampen mitgenommen hatte... finde die Geschichte immer noch ganz niedlich, weil es zeigt, welche blödsinnigen Zufälle gravierende Einschnitte in das ganze Leben zur Folge haben können), das "Pigpile"- Livevideo sah, war ich völlig baff.

Diese drei Typen sahen aus wie die letzten Honks. Steve Albini hatte einen 08/15- Bürstenhaarschnitt, trug eine Hornbrille, ein "Die Kreuzen"-T- Shirt (das war eine 80er- Indieband aus den USA) und Jeans; Santiago Durango hatte eine Stirnglatze, eine Nickelbrille und ein Polohemd an; laut Rene war er dazu noch Rechtsanwalt in Chicago; Dave Riley trug ein Hawaiihemd (oder sowas ähnliches; genau weiß ich es nicht mehr).

Einen Drummer gab es nicht; Marimba und Dudelsack auch nicht. Stattdessen eine Gitarre, die als Sonderanfertigung aussah, als wäre sie vollständig aus Metall gefertigt und der Albini, der sie sich per Bauchgurt an den Hüften befestigt hatte (was er immer noch tut) den unglaublichsten Sound abnötigte, den ich je gehört habe. Auch heute noch ist dieser absolut einzigartig... grell, blechern und metallisch (im Sinne von aufeinanderschlagendem Metall, nicht von Brettgitarren). Das war die "Marimba".

Aber der nachhaltigste Eindruck: diese Typen sahen nicht nur aus wie Buchhalter auf Betriebsausflug, sie waren auch komplett irre.
Bei dem Konzert fungierten sie als Vorband von The Mission; eine recht bizarre Kombination. Ein völlig entfesselter Albini haute sich an einer Box die Stirn blutig und drosch am Ende des Konzertes blutüberströmt mit der Gitarre aufs Publikum ein; Santiago Durango beendete das Konzert stoisch dastehend mit heruntergelassener Hose. Dutzende Mission- Fans müssen zum Ergebnis gelangt sein, daß ihre Düstermulmband dagegen Kindergarten war.

Irgendwann hatte ich die Platte endlich, auf LP (Atomizer) und CD (als "Rich Man's Eight Track Tape" mit Bonustracks einer schwer erhältlichen EP), und fand Steve Albini als Person immer faszinierender. Man möchte wirklich nicht die leidige Indiediskussion wieder hochkochen; aber DAS hier war Indie, und deswegen habe ich auch solche Probleme, den heutigen Begriff gelten zu lassen.
Komplette künstlerische Kontrolle; kein Wechsel zu einem Majorlabel, sondern absolute Treue "Touch&Go" gegenüber; kein offizielles Merchandise (es gibt nur irgendwelche Shirts, die wohl [zumindest im Fall von Shellac]von Fans hergestellt und vertrieben werden, wogegen Albini offensichtlich konsequenterweise auch nichts unternimmt... scheinbar nach dem Motto "Du willst ein Shirt von mir? Mach dir selbst eins, das geht in Ordnung") keine Werbung für Veröffentlichungen.
Dazu absoluter Haß auf CD's... selbige sind mit höhnischen Kommentaren bedruckt, die ironischerweise alleine schon das Geld wert sind ("This Compact Disc is made from analog masters recorded without noise reduction. [...] Digital technology will now faithfully reproduce those noisy, low-fi, unprofessional masters for you at great expense. Feel stupid yet?" [auf "Songs About Fucking"]), und neuerdings liegt Shellac- LP's die CD- Version gratis als Rohling bei.

Warum Albini in der linken Szene dermaßen verhaßt war, fand ich auch bald heraus; obwohl er- wenn man Interviews von ihm liest bzw. persönliches von ihm weiß- ein Guter ist, beherrschte er die Kunst der Provokation nach allen Seiten. Nach links (Bandnamen wie "Rapeman", nach einer japanischen Comicserie, in der sich der durchaus ernstgemeinte Superheld gleichen Namens an seinen Feinden rächt, indem er ihre Frauen und Töchter vergewaltigt- den Scheißdreck gibt es dort scheinbar ganz normal am Kiosk!- mit Songtiteln wie "Superpussy", "Kim Gordon's Panties" oder "Hated Chinee"... Albentitel wie "Songs About Fucking", und das bereits 1987... ) und nach rechts (eine Haßhymne auf Texas [1982], für die er dort wahrscheinlich gelyncht worden wäre).
Diese Weigerung, sich von irgendjemandem vereinnahmen zu lassen, hat mir immer schon schwer imponiert.

Was die Platte selbst angeht, kann ich eigentlich wieder wenig dazu schreiben; eben aus denselben Gründen, die ich schon in meinen Rezensionen zu den Hot Snakes oder Trend angeführt habe. Songs und Grundstimmung sind recht homogen; einige Anmerkungen gibt es natürlich trotzdem:

Zum Beispiel dürfte die fehlende Differenzierung in den Texten einigen Leuten schwer zu schaffen machen; eines von Albinis Hauptthemen ist "sexueller Mißbrauch", vor allem an Kindern ( hier in "Jordan, Minnesota", später in "The Power Of Independent Trucking" auf "Songs About Fucking", ein Song über vergewaltigende Fernfahrer). Obwohl er in den Linernotes (die auf allen Big- Black- Alben sehr lesenswert sind) sehr deutlich erklärt, wie der Song gemeint ist (und klar seinen Abscheu über eine wohl einschlägig nachrichtenbekannte Stadt kundtut, in der scheinbar Anfang der 80er Jahre vermehrt Pädophiliefälle bekannt wurden), versetzt er sich textlich in die Täterperspektive, was einen Zynismus ergibt, den manche Leute wohl einfach nicht ertragen:

This is Jordan, we do what we like
This is Jordan, we do what we like
Stay with me, my five year old
Stay with me, play hide and seek
Stay with me, my five year old
This is Jordan, we do what we like
And this will stay with you until you die
And this will stay with you until you die


Erst später, in "Doris" von Shellac, beschreibt er die Thematik sehr sensibel aus der Opferperspektive.

Ansonsten entwirft er gesellschaftliche Pandämonien... soziale Außenseiter, Geisteskranke, Kriminelle, alles in harten, sarkastischen, bisweilen zynischen Texten. Die Musik: immer der schwere, monotone Computerbeat, oft im Midtempo, garniert mit dem brummelnden, ausgeleierten Baß und den kreischenden Saiteninstrumenten. Selten wird das Gaspedal mal richtig durchgetreten, wie in "Stinking Drunk", dem einzig wirklich schnellen Song der Platte, und manchmal übertreiben es die Jungs auch mit der Sperrigkeit wie in dem unglaublichen Nerver "Passing Complexion" mit seiner schrägen Kinderlied- Instrumentalhookline, die sogar den ausgeglichensten Zeitgenossen zum zittrigen Wrack macht, das seinen Kaffee verschüttet.

Abschluß bildet eine Liveversion von "Cables", im Vergleich zu dem auf der ersten EP enthaltenen, vergleichsweise nach harmlosem 80er- Pop klingenden Original (die ersten EP's "Lungs" und "Bulldozer" klangen übrigens noch sehr nach 80er- Indie mit starkem Posthardcore- Einfluß... nicht umsonst zählen Wire zu Albinis erklärten Lieblingsbands. Beide zusammen bilden das "Hammer Party"- Album, mit dem ich mich allerdings nie richtig anfreunden konnte... gegen die ballistische Wucht von "Atomizer" schlafen einem dort nach drei oder vier Songs die Füße ein) als splitternde, räudige, nach reißenden Drahtseilen klingende Version (mit irgendeinem Spinner im Publikum, der "LOUDER!" ruft, das ist immer noch ein Quell der Heiterkeit für mich).
Den Text hatte ich teilweise auch schon als Signatur in einem Forum, Albini spielt diesmal einen Fließbandarbeiter in den Chicagoer Schlachthöfen:


Well, I don't know
why we come here
Guess I just needed the bang
We walk in the beef,
and then we pull on
the rope
And then the, then the
hammer comes down
Cables
Cables
Cables
So I guess they know
I'm not no company man
But I can pull on a rope,
I can kill a cow
Fast as any other fucker can
Cables
Cables
Cables


Platte zu Ende... auf "Rich Man's Eight Track Tape" gibt es unter anderem noch eine Wire- Coverversion ("Heartbeat") und ein ganz böses Lärmmonster namens "Things To Do Today", das ich- versehen mit diesem Titel- für ganz großen Humor halte:

Buy a pack of squares
Arrive at the apartment
Confront the investor
Explain the situation
Have him sign the documents
Bind him to a chair
Handcuff him
Place him face down on the bed
Shoot him once
Remember gloves
Scan apartment
Kill the dog [...]


Kleiner Wermutstropfen zum Schluß: dem Vernehmen nach ist "Touch & Go" mittlerweile pleite; zum 25jährigen Labeljubiläum gab es eine einmalige Bandreunion, zu der ich eigentlich nach Chicago fliegen wollte, was an meinen Finanzen scheiterte. Da es wohl kein 30jähriges geben wird, war es das wohl endgültig...

Damit wäre ich auch am Ende angelangt; den Produzenten Albini, den Streit mit Kurt Cobain bei "In Utero" und was weiß ich noch alles überspringe ich jetzt mal.
Es ging in erster Linie darum, nach Slayer, Nick Cave und Iggy Pop endlich ein weiteres meiner musikalisch größten Idole zu würdigen (egal ob Big Black, Rapeman oder- mit kleineren Abstrichen- Shellac) und das anhand der Platte, auf der jener Song drauf ist, der einer der wichtigsten meines Lebens ist. "Songs About Fucking" und "Atomizer" nehmen sich qualitativ eigentlich nichts, aber "Atomizer" hat nunmal "Kerosene"... deshalb ein klarer Punktsieg.

[Hinzugefügt sei noch, daß es die "Pigpile"- Versionen diverser Songs auf You Tube zum Anschauen gibt. Besonders "Cables" ist sehr sehenswert. Selbiges wollte ich eigentlich hier hochladen, aber das war eine derartige Geburt, daß ich es lieber gelassen habe.]



Steve Albini

Sonntag, 9. Oktober 2011

7. Nick Cave and the Bad Seeds: Let Love In

(erstmals veröffentlicht am 28.12.2008, überarbeitet am 09.10.2011)




Erscheinungsjahr:
1994

Erstanden: 2000 oder 2001, WOM Karlsruhe


Trackliste:


1. Do You Love Me?
2. Nobody's Baby Now
3. Loverman
4. Jangling Jack
5. Red Right Hand
6. I Let Love In
7. Thirsty Dog
8. Ain't Gonna Rain Anymore
9. Lay Me Low
10.Do You Love Me? (Part 2)


An sich wäre es mal wieder an der Zeit,

auszuufern... und die Geschichte einer großen Liebe zu erzählen, die anfangs überhaupt keine Chance hatte, da ich und der betreffende Gegenpart einfach zu verschieden waren.
Man erkannte vielleicht Gemeinsamkeiten, versteckt im Hintergrund... wagte aber nicht, näher darauf einzugehen.

Denn Nick Cave war bei seinem ersten Erscheinen in meinem Leben

für mich einfach ein grandioser Langweiler. Ich spürte: das muß wohl große Kunst sein. Aber eine, von der ich nichts verstehe.
Erschien er- zum Beispiel mit dem "Weeping Song" im Doppelpack mit Blixa Bargeld- in Gestalt eines Videoclips damals bei mir auf Super Channel (--> siehe Iggy Pop), ging ich im zarten Alter von 16 oder 17 meistens pissen. Oder schaltete um. Oder lag in physiognomisch bedenklich verrenkter Haltung auf der Doppelcouch meiner Eltern, verzweifelt Richtung Uhr äugend, in der Hoffnung, die bleierne Ödnis zu überwinden, die mich befallen hatte.
Ich verstand absolut nicht, wie man sich von diesem Typen freiwillig ein komplettes Album anhören konnte und warum eine Klassenkameradin von mir von ihm absolut begeistert war und immer regelrecht stinkig wurde, wenn ich sie damit aufzog.
Nick Cave war damals alles, was ich nicht war und auch niemals sein wollte... trotzdem respektierte ich ihn, seltsamerweise.

Dazu trug in erster Linie der Ausschnitt aus "Ghosts... Of The Civil Dead" bei, den ich in einem Fernsehbericht sah, ein Knastfilm, in dem Nick Cave die Hauptrolle spielte (und den ich bis heute leider noch nicht gesehen habe) sowie "And The Ass Saw The Angel", das ich während meiner Punkzeit mal gelesen hatte. Ich mochte diese düsteren Südstaatenszenarien und den einsamen Wanderpredigerhabitus, der ihn umgab... und es war alles recht und gut, solange ich nicht seine Musik hören mußte.

Es erwischte mich

völlig unvorhergesehen. Bevor ich zu Hause auszog, um in Speyer in das Wohnheim der Schule überzusiedeln, die ich ab Mitte der 90er noch einmal drei Jahre besuchen sollte, lag ich in meinem alten Zimmer auf dem Bett und glotzte zum Einschlafen MTV... ich glaube, es war "Alternative Nation".
Ich weiß auch nicht, was mich am Clip zu "Do You Love Me?" dermaßen draufschickte... Bilder, Atmosphäre, richtige Zeit, richtiger Ort, es stimmte einfach alles. Jedenfalls hatte ich den ersten Nick- Cave- Song erlebt, der mich komplett überzeugt hatte.
Aber die Platte kaufen? Anhören zumindest. Oder? Ich konnte mich nicht entscheiden. In den nächsten drei Jahren sollte ich eh kaum Geld haben, um mir auf Verdacht irgendwelche Alben zu kaufen, es war schwierig genug, nicht völig den Anschluß zu verlieren... mein schmales Budget reichte gerade mal für ca. 8-10 Alben im Jahr, und da gab es dringlichere Fälle abzuarbeiten.

Aber "Do You Love Me?" wurde mein ständiger Begleiter... der Barkeeper in meiner Speyerer Stammkneipe ließ es laufen, wenn ich hereinkam, weil er es glücklicherweise auf Tape hatte und ich es mir eh dauernd wünschte. Und im letzten Schuljahr tauchte ein Typ auf, der eine Sammlung Videoclips aus dem Internet gezogen hatte, unter anderem auch... ja. Genau.

1999 verließ ich Speyer zum ersten Mal in Richtung Karlsruhe (in meinem Seuchenjahr 2002 ging es nochmal hin und zurück, aber diese Geschichte geht nur mich was an), und als ich dann einmal im WOM stöberte, wo die Nick Cave dann für 7 Mark 99 verramscht wurde, gab ich den letzten Widerstand auf. "Wenn sie mir nicht gefällt", dachte ich, "brenne ich mir halt den einen Song runter und schaue, daß ich sie loswerde."
Zum Glück fiel das bereits in meine Phase musikalischer Weiterentwicklung... ich entdeckte Sachen, die ich früher nicht mal mit der Beißzange angefaßt hätte, Johnny Cash beispielsweise.
So wurde "Let Love In" ein Volltreffer... kurz danach folgte "No More Shall We Part"... dann "Henry's Dream"... und mittlerweile alle regulären Alben, soweit ich den Überblick habe, sowie die Birthday Party, Grinderman und die Platte mit Die Haut. "The Firstborn Is Dead" und "Henry's Dream" gefallen mir musikalisch besser als "Let Love In", und in den letzten Jahren liefert der Meister (früher nicht denkbar) auch gerne mal ziemliche Grütze ab ("Nocturama"), aber das ändert nichts daran, daß er zu meinen absoluten Favoriten zählt... und "Let Love In" (man beachte die Doppeldeutigkeit des Titels in Verbindung mit meinem Einstieg... wir werden esoterisch, Kinners) der Anfang davon war. Und darum fiel meine Wahl auch auf dieses Album.


"Do You Love Me?"


ist denn auch gleich der Opener des Albums. Der pulsierende Baßlauf, die mächtige Soundwand, die sich mit einem einzigen Schwung aufbaut, die sich penetrant ins Ohr dübelnde Pianomelodie, der Spannungsaufbau (man kann mit einem mehrfach wiederholten "Jingle Jangle" eine Art Katharsis herbeiführen, lernen wir, während wir vor dem inneren Auge das Bild spastisch verrenkt tanzender Gruftweiber verscheuchen) und, ja, der Text. Man kann sich ebenfalls über die Bedeutung von Nick Cave in der Gothszene mittlerweile wundern... denn es staubt eigentlich penetrant während dieses Albums, beginnend beim Titeltrack.
Americana, Plüschbarpornomusik, Noise, Punkeinflüsse... man mag eine gewisse dunkle Patina darauf ausmachen können, wenn man mag, aber ähnlich wie bei Killing Joke ist das eher etwas, was sich im benachbarten Zimmer abspielt, wenn die Schwarzkittelträger ihren Discoabend veranstalten.

"Nobody's Baby Now" ist eine mollgetränkte Ballade mit viel Georgel und Wohlklang, in der Nick Cave unter hartnäckigem Ignorieren seiner limitierten stimmlichen Fähigkeiten nach Herzenslust croonen darf... eine kurze Verschaufpause auf dem Weg zu Wahnsinn, Begierde und Selbstkasteiung.

Muß ich zu "Loverman" noch was schreiben? Habe ich nicht bereits alles gesagt? Ich würde dem Song gerne ein Denkmal setzen, hätte ich es nicht bereits getan. Und das zurecht... der bedrohlich flüsternde Einstieg mit dem plötzlich explodierenden Refrain und der an eine Liturgie gemahnende Nachschub... Obsession. Verzweiflung. Unerfüllte Begierde.
Ich kenne keinen Song (außer "I Put A Spell On You") der dies alles dermaßen exakt auf den Punkt bringt. Das war der zweite Song auf der Platte, der mich beim ersten Hören komplett weggeblasen hat, und dazu noch einer, der für mich später eine besondere Bedeutung erlangte, die er auch heute noch besitzt (und Dank eines kreativen Schubes wohl auch zeit meines Lebens besitzen wird).

Hier auszugsweise nochmal eine Verneigung vor einem der besten Songtexte, die IMHO jemals geschrieben wurden:


There's a devil waiting outside your door
(How much longer?)
There's a devil waiting outside your door
It is bucking and braying and pawing at the floor
And he's howling with pain and crawling up the walls
There's a devil waiting outside your door
He's weak with evil and broken by the world
He's shouting your name and he's asking for more
There's a devil waiting outside your door

Loverman! Since the world began
Forever, Amen Till end of time
Take off that
dress I'm coming down I'm your loverman
Cause I am what I am what I am what I am

L is for LOVE, baby
O is for ONLY you that I do
V is for loving VIRTUALLY all that you are
E is for loving almost EVERYTHING that you do
R is for RAPE me
M is for MURDER me
A is for ANSWERING all of my prayers
N is for KNOWING your loverman's going to
be the answer to all of yours


Bevor es aber allzu gemütlich und selbstreflexiv wird, erstmal "Jangling Jack", ein schäbiger Krachbolzen mit hohem Nervfaktor und bitterbösem Text, der den eingelullten Hörer aufschreckt und reflexartig "Ach du Scheiße,was ist denn das?" ausrufen läßt.
Man merkt es: ausgerechnet das gehört nun gar nicht zu meinen Favoriten. An manchen Tage läuft der Song durch, an anderen Tagen ist er ein todsicherer Skipkandidat.
Zum Glück gibt es danach das nächste Songmonument:
"Red Right Hand" möchte man am liebsten schwerstens angetrunken morgens um 4 in einer schmierigen 70er-Jahre- Bar in Hamburg hören.
In das rote Plüschsofa versinkend hebt man sich an einem Glas Whisky Sour fest, während die abgehalfterte Schlampe, der man vorhin in einem desperaten Schub von Nächstenliebe einen Piccolo für 20 Euro spendiert hat, oben ohne in einem goldfarbenen Lurexslip um eine Stange tanzt und Abscheuliches mit einer Federboa vollführt.
Man ist der letzte Gast und erhält noch eine "Spezialvorstellung", auf die man eigentlich keine Lust mehr hat (aber alles ist besser, als jetzt nach Hause zu gehen), während der Barkeeper die Gläser abtrocknet.
Es orgelt. Jemand (vielleicht man selbst, so genau läßt sich das nicht mehr rekonstruieren) zündet ein Streichholz an. Die himmelblaue Federboa wuscht durch die Luft, in der plötzlich eine Spannung zu liegen scheint, die einen flach atmen läßt... denn es wird etwas passieren. Jetzt. Sofort.
Tatsächlich öffnet sich knarzend die Tür, und ein hünenhafter Mann, das Gesicht verdeckt von einem breitkrempigen Hut und bekleidet mit einem knöchellangen, staubigen Mantel betritt den Raum und fixiert einen... man kann seinen stechenden Blick durch die rauchgeschwängerte Luft fast spüren.
"Hey du!" ruft er plötzlich, und die Stimme klingt, als würde er nach dem Aufstehen morgens seinen Aschenbecher zum Frühstück leerfressen.
"Ich?" antwortet man zaghaft, und man spürt erschreckt einen undefinierbaren Klumpen, der sich im Magen zusammenballt.
"Ja du! Arschloch! Komm mal wieder zur Sache, du schweifst hier total ab!"
"OK", antwortet man erleichtert und macht weiter im Text.

Haken wir kurz den Titelsong ab: eine Ballade mit Shantyfeeling, der man einen gewissen Schunkelfaktor nicht absprechen kann. Der Text steht im Kontrast dazu, eigentlich ein Antiliebeslied, das man genausogut als Galgenhumor betrachten kann:


Despair and deception, loves ugly little twins
Came a-knocking on my door, I let them in
Darling, youre the punishment for all of my former sins

I let love in
I let love in

[...]

So if youre sitting all alone and hear a-knocking at you door
And the air is full of promises, well buddy, youve been warned
Far worse to be loves lover than the lover that love has scorned


Doch das war nur eine Verschaufpause.
Wenn es einen Nick- Cave- Song gibt, der sich zum betrunkenen Herumpogen eignet, ist es "Thirsty Dog". Nicht umsonst wurde er von einer mir bekannten Ü 30- Punkrockband aus Speyer gecovert, denn er riecht nach Kneipe und unrasierten besoffenen Männern, die sich in Selbstmitleid suhlen, weil sie ihre Beziehung ruiniert haben. Eine bukowskieske Außenseiterstory, mit Verve vorgetragen, ohne Brettgitarre, aber sehr schnell und wieder mit deutlichem Countryeinschlag:


I know you've heard it all before
But I'm sorry for this three year war
For the setting up of camps
and wire and trenches
I'm sorry for the other night
I know sorry it don't make it right
I'm sorry for things I can't even mention
I'm sorry, sorry, sorry, sorry
I'm sitting feeling sorry in the Thirsty Dog


"Ain't Gonna Rain Anymore" und "Lay Me Low" zählen auch nicht unbedingt zu meinen Favoriten. Ersteres eine Nick- Cave- Ballade wie viele Nick- Cave- Balladen, um mal einen anderen Meister zu zitieren: "Nett zu lesen, nett zu vergessen." (Arno Schmidt über Heinrich Heine). Nett zu hören eben, aber nichts, was direkt aus der Songauswahl heraussticht, ebenso wie "Lay Me Low", ein vaudevilleartiger Grabgesang mit zunehmend versoffener klingender Gesangsdarbietung.

Zum Ende dann nochmal eine ruhige Version von "Do You Love Me", mit deutlich sphärisch angereicherter Atmosphäre und anderem Text. Als hätten sich Pink Floyd dieses Songs angenommen... es wabert, im Hintergrund heult der Wind zusammen mit einer einsamen Geige und bringt dieses Album zu einem adäquaten Ende, das darin besteht, daß man sich in einer merkwürdig andächtigen Atmosphäre wiederfindet, und erstmal nichts anderes hören möchte... oder auf "Replay"drückt.

Ich weiß, daß mir mancher vehement widersprechen wird, wenn ich "Let Love In" als das ideale Einstiegsalbum vorschlage (seltsamerweise sind da alle auf das stinkelangweilige "The Boatman's Call" fixiert... eine Platte, die ich höchstens hören will, wenn ich aktiver Sterbehilfe bedarf), aber es funktioniert... ich bin der lebende Beweis dafür.
Es mag nicht sein bestes Album sein,aber immerhin dasjenige, das mir den Zugang zu diesem großartigen Künstler verschafft hat... und dafür hat es sich den Platz in dieser Liste redlich verdient.

6. Iggy Pop: Brick By Brick

(erstmals veröffentlicht am 20.09.2008, überarbeitet am 09.10.2011)




Veröffentlichung: 1990

Erstanden: 1990, in der "Musicbox", Landau/Pfalz

Trackliste:

1. Home
2. Main Street Eyes
3. I Won't Crap Out
4. Candy
5. Butt Town
6. The Undefeated
7. Moonlight Lady
8. Somethin Wild
9. Neon Forest
10. Starry Night
11. Pussy Power
12. My Baby Wants To Rock'n Roll
13. Brick By Brick
14. Livin' On The Edge Of The Night

a) Iggy und ich

Iggy Pop. The Stooges. Jahaha. Protopunk blablubb. "Lust For Life", jaja, soweit so gut. Und irgendwann dann ein Haufen Grütze. Abgehalfterter alter Bock mit einem Haufen Scheißplatten. Selten konzentrierte sich der Allgemeinkonsens in einem riesigen Backkatalog so sehr auf dermaßen wenige Veröffentlichungen.

Wann Iggy in mein Leben getreten ist?
Relativ früh, wenn auch zuerst nur als Anhängsel von David Bowie wahrgenommen, von dem ich mit 13 großer Fan war, bezeichnenderweise ebenfalls in seiner absoluten Stußphase... die "Let's Dance" war meine erste Bowieplatte, die mir heute immer noch sehr gut gefällt,auch wenn mich richtige Bowiefans (zu denen ich mich nicht mehr zähle, obwohl ich eine handvoll Platten von ihm besitze, die ich mehr ["Heroes"] oder weniger ["Scary Monsters"] mag) dafür wohl teeren und federn oder mindestens für inkompetent halten dürften. Aber ich tue mir schwer mit Vaudevillemusik, mir fehlt das Kleinkunstgen zu mindestens 90%, und ich glaube auch, darüber nicht sonderlich unglücklich zu sein.
Als ich 15 oder 16 war, führte der Radiosender SDR 3 seinen ersten Guinessweltrekord mit der längsten Hitparade aller Zeiten durch (den sie ein Jahr später noch einmal toppten), die aus eingesandten Postkarten von Hörern erstellt worden war.
Diese dauerte eine Woche und umfaßte 1501 Plätze (Erster wurde übrigens "Stairway To Heaven").
Ich, damals schon ein Musikfreak mit einer gar gruseligen Plattensammlung von knapp 100 LP's, die zu geschätzt 85% aus Scheiße bestand sowie einem Hang zum Erstellen von Listen (eine Plattensammlerkrankheit par excellence) war damit natürlich im Paradies. Eine Woche verließ ich (außer um zur Schule zu fahren) kaum die elterliche Wohnung und saß mit einem Stapel Leerkassetten vor meinem schrottigen Radio mit Doppeltapedeck, um allerhand mitzuschneiden.
Das war eine Art musikalischer Crashkurs... vieles (vor allem aus den 60ern und 70ern) kannte ich noch gar nicht (bis dato hatte ich noch nie einen Ton von Led Zeppelin gehört, zum Beispiel...) Natürlich fiel ich zuerst einmal Sachen anheim, die mir heute nicht immer nachvollziehbar erscheinen.
Jethro Tull. The Doors. The Edgar Broughton Band. Bachman Turner Overdrive. Golden Earring.
Und mittendrin: "The Passenger" von Iggy, ein Monument, ein Song, dem ich heute noch ein Denkmal errichten würde, den ich liebe und den bisher sogar der krötigste Karlsruher DJ, der ihn bis zum Erbrechen abnudelte, nicht vermiesen konnte.

Also hieß es: von nun an Augen auf beim Plattenkauf. Schlagartig hatten sich meine Hörgewohnheiten fundamental verändert (Hanneman und King lauerten da bereits im Hintergrund, wagten sich aber noch nicht vor), und ich stellte zu meiner Freude fest, daß die meisten LP's, die ich von nun an suchte, zum Nice Price von 11,95 erhältlich waren und ich mir von meinem schmalen Taschengeld viel mehr leisten konnte. Also dominierte bis zu meiner endgültigen Kehrtwende 1991 zuerst einmal 70er- Rock (schauder).
In dem ganzen Stapel Platten, den ich meiner anschwellenden Sammlung zuführte, befand sich schließlich auch Iggys "Lust For Life", und hier könnte ich eigentlich weitermachen.
Das tu ich aber nicht.

Zu dieser Zeit hatte ich noch keinen eigenen Plattenspieler, Herr über unsere fossile Anlage waren meine Eltern, und so hörte ich die LP selten, nur immer wieder "The Passenger" (und "Real Wild Child" von der lausigen "Blah Blah Blah") auf Tape.
Damals konnten wir allmählich den ersten Musiksender empfangen, in Prä-MTV- Zeiten war das der englische Super Channel, der in einer Art Endlosschleife 50 immergleiche Videoclips abnudelte, zu einem Großteil sogar für meine Verhältnisse recht abgefahrenes Zeug wie Pere Ubu, They Might Be Giants, A Tribe Called Quest, Paris, Suicidal Tendencies und Public Enemy, was mir alles irgendwie gefiel und wohl weitere Weichen für meine spätere Entwicklung stellte.
Mittendrin: "Home" von Iggy Pop, die erste Single aus seinem kommenden Album "Brick By Brick".
Ein räudiger Schwanzrocker, mit einem scheinbar uralten Typ, der oberkörperfrei in gestochen scharfen schwarz-weiß-Bildern auf dem Parkplatz eines Supermaktes vor einer Windmaschine herumtobte. Und ich war begeistert. Diese Platte mußte ich haben.

Die Kritiken waren damals schon teilweise vernichtend, aber das war mir egal. Als ich 1991 bei der Abschlußfahrt der Realschule nach London mit meinem Walkman im Bus saß, hatte ich einen Stapel Tapes dabei (aufgenommen auf meiner Kompaktanlage, die ich mir mit einem räudigen Ferienjob in einer Lagerhalle verdient hatte), neben Led Zeppelin, den Pogues, Pink Floyd und den Doors zwei Cassetten mit 4 Alben von Iggy: "Live At The Channel, Boston MA." und "Instinct" auf dem einen, und "Lust For Life" und "Brick By Brick" auf dem anderen. Alles wurde bis zum Erbrechen durch die Kopfhörer gejagt, sogar "Instinct".


Und so begann die Geschichte.

Irgendwann rückte Iggy mal eine zeitlang an den Rand, als ich nur noch entweder Beats oder Bratgitarren wollte. Sogar da legte ich ca. einmal im Jahr noch "Brick By Brick" auf, was zeigt, daß es ganz ohne Iggy ab einem gewissen Zeitpunkt meines Lebens nicht mehr ging.
Ein Ausbildungskollege lieh mir dann "Fun House", als ich 19 war, und ich dachte: "Ganz nett, aber auch sehr alt. Respekt davor, aber das ist mir zu soft."

Sieben Jahre später, mein Musikgeschmack hatte sich um etliche Facetten erweitert, erspähte ich im Vinyl Only in Heidelberg die "Fun House" als Nachpressung im Klappcover. Als ich die LP DANN daheim auflegte, blies sie mich fast aus dem Sessel zum Fenster hinaus, und das Photo im Innencover würde ich wahrscheinlich dazu benutzen, einem Außerirdischen zu erklären, was ich unter dem Begriff "cool" verstehe.
Aber das ist eine völlig andere Geschichte.


b) "I'm standin', in a shadow, hatin' the world"... die Platte.


Nun ja, der Opener ist das bereits erwähnte "Home"... ein auf Standardrockriffs und mit Wichssolo garnierter bodenständiger Rocker, der mit Sicherheit heutzutage keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken würde und in dem sich Iggy darüber freut, daß er nach Jahren des Vagabundierens nun endlich ein festes Dach über dem Kopf hat, in einem Text, der (auch nichts Neues bei Mr. Osterberg) häufig die Grenze elementarer Brunzdummheit touchiert.
Trotzdem: ich mag den Song immer noch und räume ihm nach wie vor einen Platz in meiner Ruhmeshalle elementarer Erweckungserlebnisse ein. So muß es sein, einen selten peinlichen Kumpel zu haben, der dennoch zufällig dafür verantwortlich ist, daß man damals mit der Frau zusammenkam, mit der man nun bereits zwanzig Jahre glücklich verheiratet ist.

Gleich danach "Main Street Eyes", eine Outlaw- Ballade mit folkigen Untertönen, in der Iggy mit reichlich schiefem Gesang Impressionen aus der Welt der Reichen und Schönen aneinanderreiht, verbunden mit der Feststellung "You and I are not huge mainstream stars/ but unlike them we're really what we are".

"I Won't Crap Out" ist noch so ein Song, dessen Präsentation entscheidend dazu beitrug, daß ich mir das Album zulegte... auf Platte ist das zunächst nur auf akustischer und elektrischer Gitarre aufgebaut, die sich gegenseitig ergänzen (die akustische hart angeschlagen, die elektrische gniedelt vor sich hin), bis gegen Ende dann die Drums einsetzen, um den Song nach einem Break abzurunden.Soweit, so gut, aber ich sah Iggy diesen Song in einer Fernsehshow live präsentieren, und wie er da stand, obligatorisch mit freiem Oberkörper und völlig irre dreinblickend, während er die Startzeile "I'm standin', in a shadow, hatin' the world" ins Publikum blaffte, das war ganz großes Kino. Interessant auch, daß ich die akustische Version weitaus rauher und abgedrehter in Erinnerung habe als den eigentlich relativ moderaten Song auf der Platte, vor allem, da es eigentlich darum geht,daß einen alles zur Weißglut treibt und man kurz vor dem völligen Ausrasten steht (und warum man es besser bleibenlassen sollte).
Nichtsdestotrotz immer noch einer meiner liebsten Songs auf dem Album.

Was ich von "Candy" halten soll, weiß ich immer noch nicht. Elektronisches Gewitter, 80er- Sound, Kate Pierson, deren Gießkannengesang ich außerhalb der B-52's zumeist schwer erträglich finde... hier manchmal auch. An dem einen Tag kann ich mir den Song anhören, ein andermal wiederum geht er mir komplett auf die Brezel. Richtige Freunde werden "Candy" und ich in diesem Leben wohl nicht mehr.

Danach gibt es mit "Butt Town" wieder abgedrehte Großstadtimpressionen, verpackt in einen muskulösen Rocker mit locker hereinschneiender Gitarre zu Beginn (was sich ganz kurz staubsaugerartig anhört) die dann ein straight vorpreschendes Riff spielt, das den ganzen Song bis zu Iggys Hühnergegacker am Ende (ohne Witz) mitzieht.

Zu "The Undefeated" und "Moonlight Lady" möchte ich eigentlich kaum was schreiben. Das eine ein allenfalls gefälliger Midtempo- Song mit Mitsingrefrain für die nächste Eckkneipe, der eher an mir vorbeirauscht, dann eine reichlich verschnarchte Ballade.

Also schnell weiter zum großartigen "Something Wild", einem Duett mit John Hiatt. Auch wieder sehr folkig mit Streichern untermalt, hat der Song samt Text und Geknödel der beiden alten Säcke etwas, was mich mitreißt, etwas, was sehr lange gebraucht hat, um sich zu entfalten. Ich weiß noch, daß ich in meiner Jugend nicht viel mit dem Song anfangen konnte und vor drei oder vier Jahren plötzlich einen Kick verspürte, der mich seitdem zwang, ihn immer und immer wieder zu hören.

"Neon Forest" dagegen ist wieder ein schwerer Rocker mit zähflüssigen Riffs (Bemerkung hier: durch die reichlich moderate Produktion von Don Was sind sogar die "härteren" Songs hier konsumentenfreundlich ausgefallen; ich kenne das ja nur so, es würde mich aber trotzdem interessieren, was ein anderer Produzent daraus gemacht hätte).

Was drin gewesen wäre, sieht man an "Pussy Power" und "My Baby Wants To Rock'n Roll", beide mit Gastauftritten von Slash, mit dessen Mutter Iggy wohl mal kurzzeitig liiert war (wenn ich nicht gerade was durcheinanderbringe), als Slash 15 war, beides schön räudig produzierter Riffhardrock (schätze, die Jungs haben bei der Produktion ein Wörtchen mitgeredet), mit Texten um coole Superfrauen, die einem gestandenen Rocker die Knie weich werden lassen. Bierkaschemmenlyrik vom Feinsten, für Leute in schwarzen Lederhosen. Muß man nicht toll finden, aber: so isser halt.

Zwischendrin gibt es "Starry Night", das sich anhört wie ein "Sunshine Reggae"- mäßiger Gute- Laune- Tanzflächenfüller, dessen sarkastischer Text aber in angenehmem Gegensatz dazu steht:

"[...]met a lotta tough guys-they all look
Pretty ugly under the stars
Go out to the desert
And just look up
You can feel yourself
Under the stars
All man's buildings
Will soon be gone
'Cause something here
Is absolutely wrong[...]"


Nach dem Doppelpack Rock geht es dann wieder verhalten weiter.
Zuerst einmal mit dem Titelsong, mit dem ich auch seit jeher noch nie was anfangen konnte. Eine Ballade ohne Drums, die mich eigentlich eher kalt läßt. Es gibt genau vier Songs auf der Platte, die ich schwächer finde als den Rest, die aber durchaus anhörbar sind. Das hier ist derjenige, den ich am wenigsten davon mag.

Dafür den Abschluß der Platte umso mehr. Welchen Narren ich an "Livin' On The Edge Of The Night" gefressen habe, weiß ich selbst nicht. Eine Ballade mit düsterem Anstrich, die musikalisch genausogut 1985 wie 1990 verortet werden könnte, mit viel Keyboardmulm im Hintergrund und steril klingender Produktion... eigentlich klingt das nach einem Fall für den gelben Sack, aber ich liebe diesen Song, und er ist für mich der beste der Platte. Ernsthaft.
Mag sein, daß es daran liegt, daß er vor Albenerwerb eine zeitlang immer im Radio lief und sich in meinem Kopf festhakte, bevor ich wußte, daß es Iggy ist (als ich feststellte, daß der Song auf dieser Platte ist, freute ich mich auch wie Bolle). Textlich zieht er eine Art Resumée, und das bringt mich auch zum Ende (jahaha, DAS sind mal wieder textliche Übergänge... eine Großtat).

Es gibt einige großartige Platten von Iggy: die frühen Stooges, The Idiot, Lust For Life, Kill City... und natürlich wäre es ein Leichtes gewesen, zu einem der Alben den üblichen Brummstiefel herunterzuschreiben.
Protopunk, Erdnußbutter, kwakwakwa.
Keine Lust.
Absolut nicht... wen ihr sowas lesen wollt, zieht euch aus irgendeinem Musikmagazin eurer Wahl die "100 besten Platten aller Zeiten".
Ich habe absichtlich ein Album genommen, daß nur wenige kennen (und die, die es kennen, mögen es gewöhnlich nicht) und noch dazu ein reichlich unspektakuläres Popalbum (in jeglicher Doppeldeutigkeit).
Aber ich mag diese Platte, und möchte sie nicht mehr missen... und warum das so ist, konnte ich hoffentlich vermitteln.

Samstag, 8. Oktober 2011

5. The Jesus Lizard: Goat

(erstmals veröffentlicht am 21.06.2008, überarbeitet am 08.10.11)









Trackliste:


1. Then Comes Dudley
2. Mouth Breather
3. Nub
4. Seasick
5. Monkey Trick
6. Karpis
7. South Mouth
8. Lady Shoes
9. Rodeo In Joliet

Erschienen: 1991

Line- Up:


David Yow (voc)
David Wm Sims (b)
Duane Denison (gt)
Mac Mc Neilly (dr)

Erstanden:
Irgendwann 2003, gebraucht im "Studio Eins", Karlsruhe

Es war einmal

ein Wahnsinniger namens David Yow. Dieser sang- laut einem Freund von mir- als würde er von einem Esel vergewaltigt. Backstage warf er Leuten gerne ohne ersichtlichen Anlaß brennende Kippen ins Gesicht, kackte in ihrer Abwesenheit in ihre Biergläser und war bekannt dafür, sich sogar bei Studioaufnahmen nackt auf dem Boden herumzuwälzen.
Live malträtierte er sich entweder mit einem Stück Dachlatte, bis er blutend am Boden lag (so geschehen bei einem Gig der Lizard-Vorgängerband Scratch Acid in Berlin) oder es gab, ich zitiere Wikipedia, "Live-Auftritte der Band, zu denen Sänger Yow selten mehr als eine Hose trug, die er häufig während der Performance auszog, um Fäkalien und Onanie zum Bestandteil der Show zu machen. Gelegentlich betrat er die Bühne auch in Verkleidung, etwa als Jesus, Hitler, Dorothy aus dem „Zauberer von Oz“ oder nackter Napoleon, bekleidet nur mit einem Zweispitz."

Natürlich machte David Yow auch noch Musik neben dem Wahnsinnigsein.
The Jesus Lizard brachten folgende Alben heraus:

1989 Pure EP (Touch and Go Records)
1990 Head EP (Touch and Go Records)
1991 Goat (Touch and Go Records)
1992 Liar (Touch and Go Records)
1993 Lash (Touch and Go Records)
1994 Show (Collision Arts)
1994 Down (Touch and Go Records)
1996 Shot (Capitol)
1997 Self-Titled EP (JetSet)
1998 Blue (Capitol)
2000 Bang (Touch and Go Records)


Die Auflistung ist deshalb vollständig, um auf das Konzept hinzuweisen, alles mit vierbuchstabigen Wörtern zu betiteln. Was die Qualität der Alben angeht, stechen zwei besonders heraus und stellten mich vor die Qual der Wahl:
"Liar" oder "Goat"?

Ersteres war meine erste Begegnung mit ihnen, und alleine die ersten beiden Songs ("Boilermaker" und "Gladiator") sind in ihrer peitschenden Intensität bestens dazu geeignet, mit Schaum vor dem Mund und einem Zimmermannshammer in der Hand nahezu besinnungslos auf umstehendes Mobiliar einzudreschen.

Warum dann "Goat"?
Ganz einfach: man sitzt abends bei seinem Freund Sinan (einer von zwei mir bekannten Türken mit Punkroots) auf der Couch, trinkt Bier, schaut irgendeinen B-Movie ohne Ton und hört dazu Musik. Multitasking.
Dann zieht man "Goat" aus einer monströsen Plattensammlung, legt es auf, und bei den ersten Klängen von "Then Comes Dudley" zieht Sinan ein riesiges Stofftaschentuch heraus und wischt sich die Stirn ab.
"Verdammt, ich fang schon wieder an, zu schwitzen. So fiebrig."

Exakt darum geht es: die Atmosphäre.
Dudley kommt merkwürdig schleppend des Weges, klar strukturiert (jedes Instrument ist deutlich voneinander zu unterscheiden), was an der knochentrockenen Produktion von Steve Albini (wem sonst?) liegt, einem bekennenden Fan der Band, und darüber eine blecherne, spukige, thereminhafte Gitarrenlinie von Duane Denison, die dieses Stück antreibt. Dazu der Text:

That woman's crazy, she's the mistress of a man who's crazy too
That woman's carryin'
Then comes Dudley
Dudley's gonna do us all a favor and tear 'em both a new asshole
Dudley feels the time has come to swell his balloon
Dudley feels the time has come to clean this womb (wound)
That's right Dudley, yeah


Jessas. Ja, die Texte... fast immer bizarres Zeug, oft Gewaltphantasien von psychisch Kranken, surreales Zeug oder auf abstrakte Art und Weise Selbstzerstörerisches.
Alles zusammen summiert sich zu DER Atmosphäre, etwas Eigenes, daß sich mit nichts vergleichen läßt, was ich kenne. Natürlich ist es Noiserock, aber im Vergleich zu- sagen wir mal- Unsane oder Helmet ohne Brettgitarren. Er dürfte eigentlich gar nicht hart sein, weil es die vetrackte Spielweise teilweise unmöglich macht, wird aber trotzdem als solches wahrgenommen, sei es wegen dem treibenden Schlagzeug oder Baß, blechern angerissenen Gitarrenriffs oder Yows irrem Gekreisch.

Beim nächsten Track "Mouthbreather" hat man alles zusammen: eine wahnsinnig komplizierte Schlagzeugfigur, die sich ständig wiederholt, dazu ein ebensolches Gitarrenriff, und es stellt einen nicht einfach nur auf wie ein halber Liter Mokka mit teerartiger Konsistenz, es schiebt einen in der Wohnung von einem Raum in den andren, auch wenn man verzweifelt versucht, sich am Türrahmen festzuklammern.

"Nub" dagegen beginnt für Lizard- Verhältnisse fast schon konventionell: ein leiernder Gitarrenton, der zum herausstechenden Riff wird, darunter geben Baß und Schlagzeug das Tempo vor, und dann kommt das Break, die Gitarre setzt aus, und es bleibt ein paar Sekunden lang nur die Rhythmussektion, bis Denison zusammen mit Yow wieder einsetzt. Und das bläst einen dann fast aus dem Sessel. So simpel, so effektiv. Und der Text mal wieder:


So since the surgery, how's that ghost limb
Hey man, say man have you been rubbin' your nub
Por favor
De no sacar los manos, de no sacar los manos
Fuera de la ventana
So cuenta es muchas dinero lo siento
But I have got to hand it to you, you're taking this extremely well
Ah rub it on me, rub it on me Duane
So since the surgery, how's that ghost limb
Hey man, say man have you been rubbin' your nub


Wobei der hervorgehobene Teil das "Gitarrensolo" einläutet. Findet man auch nicht allzuhäufig... "rub it on me, Keith"? Nah. Bäh.
Das Video zu dem Song steht übrigens auf You Tube, falls es Unerschrockene interessieren sollte.

Danach geht es mit "Seasick" wieder ebenso schleppend weiter, ein Song, der eigentlich nur als Plattform für die Selbstdarstellung des exaltierten Sängers fungiert und dessen "I can't swim"- Intro- Gekreisch mir an manchen Tagen extrem auf den Senkel geht. Also schnell weiter zu "Monkey Trick" mit seinem kurz rasenden, dann abrupt abbremsenden Intro... die Baßlinie pulsiert, dazu Yows Sprechgesang, der immer schräger wird, bis sich das Lied spiralig in völlige Übergeschnapptheit und diese sich wiederum in den Kopf des Zuhörers hineindreht, dessen rechtes Auge unmerklich zu zucken beginnt, während er nach spitzen Gegenständen in Reichweite sucht. Die findet er nicht, also haut er im Rhythmus des "Ouh!"- Geplärres des mittlerweile völlig entfesselten David Yow den Kopf auf die Tischplatte, aber da kommt ja schon "Karpis".
Sieht nach Verschnaufpause aus, den die Gitarren plinkern entspannt, Yow singt mal richtig, aber der Refrain bricht dann plötzlich mit einer Urgewalt über einen herein, die ihresgleichen sucht, und spätestens wenn sich McNeilly (einer der wohl unterschätztesten seiner Art, Lombardo und Grohl hin oder her) an den Drums zu überschlagen scheint, ist alles zu spät. Alles.

Also hüpfen wir lieber zu "South Mouth" die gelbgepflasterte Straße entlang, was ganz lustig wäre, würden die beiden Männer in den Zwangsjacken im Hintergrund nicht in zwei völlig verschiedenen Stimmlagen dazu rumplärren. Das verwirrt uns dermaßen, daß wir das Ende der Straße übersehen und in unseren "Lady Shoes" einen Abhang herunterstürzen, dabei ständig Purzelbäume schlagend und reichlich zugerichtet aussehend, als das Lied ein Ende hat.
Ausgerechnet "Rodeo in Joliet" ist zwar immer noch für Normalhörer, die auf gepflegte Melodien wert legen, eine hochgradige Zumutung, aber auch eine Art abschließender Downer, beruhigend nach all der Hektik, der Manie, der Intensität, dem Wahnsinn.

Und nach einer halben Stunde ist wieder alles vorbei.

Warum also nun "Goat"?
Weil The Jesus Lizard nach "Liar" dann konstant abbauten, vor allem (mal wieder) nach ihrem Majorvertrag.
Wegen der musikalischen Virtuosität (nicht umsonst hat Duane Denison mit Ex- Laughing Hyena Bobby Kimball auch ein gesittetes Jazzduo).
Wegen David Yow, der heutzutage zwar als Webdesigner und Regisseur von Musikvideos (u.a. Offspring) arbeitet,aber immer noch völlig irre ist (seine "Special Appearance" bei den Melvins auf "The Crybaby" und auf der letzten Tour läßt sich mal wieder schwer in Worte fassen, und eine neue, mir unbekannte Band namens "Qui" hat er wohl auch am Start).

Und nicht zuletzt, weil das Album und die Band für ein einst populäres, aber mittlerweile fast vergessenes musikalisches Genre stehen, dem (und dessen "Szene", deren Humor, Leuten und Inhalten) ich mich nach wie vor so verbunden fühle wie keinem anderen.

[Nachtrag: auch hier mal wieder etwas Positives. Die Rezension entstand seinerzeit in einem Rutsch und einem Anflug spontaner Begeisterung... was man ihr auch anmerkt. Mit Anlauf kopfüber in die Metaphernkiste, und das dermaßen überkandidelt, daß ich mich gerade nicht entscheiden kann, ob ich das albern oder charmant finde. Darum lasse ich den Text weitgehend unverändert.
Meinen Jesus- Lizard- Konzertbesuch in Kreuzberg anläßlich der Reunion ein Jahr später habe ich hier im Blog bereits dokumentiert... nun soll sogar ein neues Album ins Haus stehen. Auch hier wieder: gespannte Erwartung, immerhin hatte der Split auch seine guten Seiten, denn spätere Lizard- Alben (ab "Down") braucht man nicht wirklich.]




David Yow, wie er singt und lacht

Dienstag, 4. Oktober 2011

4. Hot Snakes: Suicide Invoice

(erstmals veröffentlicht am 29.04.2008, überarbeitet am 08.10.2011)





Trackliste:

1. I Hate The Kids
2. Gar Forgets His Insulin
3. XOX
4. Who Died
5. Suicide Invoice
6. Paid In Cigarettes
7. LAX
8. Bye Nancy Boy
9. Paperwork
10. Why Does It Hurt?
11. Unlisted
12. Ben Gurion

Veröffentlichung: 2003

Erstanden:
2003, per Flight 13 Mailorder

Line- Up:

* Rick Froberg - guitar, lead vocals
* John Reis - guitar, backing vocals
* Gar Wood- bass, backing vocals
* Jason Kourkounis - drums (1999-2003)
* Mario Rubalcaba - drums (2003-2005)


Unspektakulär


fing alles an, deswegen ist es vielleicht nicht verwunderlich, daß ich über eine meiner absoluten Lieblingsplatten, die ich wohl in den letzten 5 Jahren so häufig gehört habe wie kaum ein anderes Album, relativ wenig schreiben kann. Sie kam quasi einfach irgendwann ums Eck, klingelte an meiner Tür, trat ein, setzte sich auf meine Wohnzimmercouch und weigert sich seitdem beharrlich, wieder zu gehen. So einfach kann das Leben manchmal sein. Keine Anekdoten, keine Jugenderinnerungen, nur eine nächtliche Autofahrt durch Mannheim bei einem meiner besten Freunde auf der Rückbank, auf dem Weg zu einem Firewaterkonzert, und ein "Kennst du die schon? Hab ich mir heute geholt." samt einem "Bzzzzz"- Geräusch, als der CD- Player im Auto eben erwähntes Produkt in seine Eingeweide zog. "Das ist das Nebenprojekt von einem der Rocket From The Crypt- Typen."
Ah ja. Eine Band, die sich bis heute vehement allen meinen Versuchen widersetzt, sie besser als allenfalls "ganz passabel" zu finden.

Und was war das nun? Seltsam. Zuerst Geeiere und Geleiere samt blecherner Produktion, dann einige schnellere Songs, die sich aber irgendwie akustisch anhörten, vorgetragen in einer fast teenagerhaften Stimmlage, alles in allem etwas, das sich bei mir jeder Kategorisierung entzog.
Zumindest war mein Interesse geweckt. Ich hörte sie mir noch zwei-, dreimal an, bestellte mir die Platte dann per Mailorder und das war es dann. Als ich das Klebeband des Päckchens durchschnitt, hatte schon eine gewisse Vorfreude von mir Besitz ergriffen... und nach dem ersten kompletten Durchlauf war ich dieser LP total verfallen. So oft hörte ich sie in den folgenden Monaten, daß ich sie mir endlich auf CD sichern mußte, weil ich Angst hatte, daß sich das Vinyl im Zuge dieser Dauerrotation auflösen würde.

Zeitsprung.


2005. Das dritte Album "Audit In Progress" war gerade erschienen, und die Hot Snakes waren auf Europatournee. Einziger Deutschlandtermin (soweit ich mich noch erinnere) war am 14. 05. in Nürnberg, mit Dan Sartain im Vorprogramm. Also packten wir in der Pfalz und in Karlsruhe zwei Autos voll, um dorthin zu tuckern. Wir sahen ein großartiges Konzert, auch wenn die Band überhaupt nicht mit dem Publikum kommunizierte und somit in den Pausen zwischen den einzelnen Stücken eine Art betretenes Schweigen entstand. Aber als Fan hörte man alle Songs, die man auch hören wollte, und als Zugabe gab es noch ein ellenlanges Stück der Hot- Snakes- Vorgängerband Drive Like Jehu.
Das war ca. einen Monat, bevor mich ohne Vorwarnung die Nachricht erreichte, daß sich die Hot Snakes aufgelöst hatten. Bumm.

Bumm.


Die Nadel senkt sich auf die Eingangsrille, und ein akustisches Gekritzel ertönt... ein seltsamer, dahineiernder Ton, der sich verdichtet, und aus dem Nichts eilt eine Melodica herbei (tatsächlich so ein Tastending, in das man dazu noch reintröten kann... ich sah es live mit eigenen Augen). Danach ein schwerer Rhythmus, der aber nichts an dem Geleier ändert, es jedoch strukturiert. Und dann der harmlos klingende Sänger mit einem abgrundtief sarkastischen Text, der zu seiner juvenilen Stimmlage (es war wirklich nur die Stimmlage... der gute Mann dürfte die 30 auch weitgehend hinter sich gelassen haben) in völligem Kontrast steht:

I HATE THE KIDS

Nobody does anything
Wrong
Nobody is a dilettante
Everybody gets everything
Everything they want

Time to change up sheets
Lock change
Down
Down in the street
I wanna see ya all crossed up
and hung

Fine clothes
Find work
Grab a spade
Get in the dirt
The older you get
The less you're worth
You're gonna hit the market full force


Ein markanter Einstieg, und sowieso sind Texte und Songtitel genauso einzigartig wie die Musik selbst. Zum Beispiel beim nächsten Song, "Gar Forgets His Insulin". Ein relativ schneller Song, der aber durch die völlige Abwesenheit von Bratgitarren irritiert und irgendwie naturbelassen wirkt, in etwa wie eine Holzspielzeugvariante zu "normalem" Punk-/Alternativerock, mit einem Rhythmus, der seltsame Assoziationen an sich rasant von einer Spule abwickelndes Schneidergarn weckt. Und mittendrin eine Melodie, trotz allem eine prägnante Linie, die sich sofort im Kopf festhakt... und beim nächsten Song wieder. Und wieder. Und wieder.
Eine klappernde Kiste voll Murmeln und Holzklöppeln, aus der geradezu unsterbliche Hooklines und Melodielinien herausragen, für die so manch andere Band, die seit Äonen sinn- und planlos vor sich hinmusiziert, ihre Seele verkaufen würde. Mindestens. Und dann, wenn man denkt, es könnte nicht mehr besser werden, ein ganz kurzer Rhythmuswechsel oder eine sonstige Finesse, die einen Endorphinschub verursacht. Oder eine Textzeile, von der man sich wünscht, sie wäre einem selbst eingefallen.

"Can't live without the one I love
Can't live with you
The last person in the Tri-State
Looking for the last ditch, black hole
Something to do
Yeah, you're stinking drunk
You're drawing flies"

(Bye Nancy Boy)


Verdammt, ist das gut.

Das Problem: was soll ich ansonsten schreiben? Die Platte ist stilistisch sehr homogen, und jeden Song auseinanderzudröseln, wäre- noch sinnloser als bei Trend weiter oben- zur Redundanz verdammte geistige Onanie. Es ist schlicht und ergreifend ein Gesamtkunstwerk, und nach ziemlich genau 30 Minuten ist alles vorbei, und man wünscht sich nur, die Platte wieder umzudrehen und das Ganze nochmal zu erleben. Es gibt und gab Tage, da hörte bzw. höre ich das Album vier- oder fünfmal hintereinander, ohne daß es mir zum Hals raushängt... und das muß erstmal jemand fertigbringen.

Ein Song ist noch erwähnenswert, der ebenfalls leierige, balladeske Titelsong, der dunkle Monolith dieser Platte, mit einem zwingenden, anschwellenden Rhythmus und seltsamem Gitarrensound, der klingt wie... was eigentlich? Pickings? Weiß der Geier, ich bin kein Musiker. Aber der Text schickt mich immer ziemlich drauf.


You and I made a pact
Only you could keep
And now I answer to you
In my sleep
A suicide invoice
In pen and ink
Brings you to my bedside
In yellow, white, and pink
And when I dream
I keep my promises to you
I really do
Suicide invoice
Suicide dream
And when I dream
I keep my promises to you
I really do
A suicide invoice
Yellow, white, and pink
Brings you to my bedside
In pen and ink
And when I wake
I know all our dreams will come true
I really do


Was bleibt?

Meine Unfähigkeit, diese Platte adäquat zu beschreiben... weder kann ich es musikalisch, noch kann ich auch nur annähernd ausdrücken, was sie in mir auslöst. Oder was sie mir mittlerweile bedeutet.
Um oasupp nochmal in einem anderen Zusammenhang zu zitieren: man besitzt diese Platte nicht, sondern umgekehrt. Wer einmal Musik jenseits aller ausgetretenen Pfade hören will, von einer Band, die mit drei Alben ("Automatic Midnight", "Suicide Invoice", "Audit In Progress") ihren eigenen, unverwechselbaren Stil geschaffen hat, sollte zu diesem Album greifen, bevor es eine komplette Rarität darstellt. Zum Einstieg in das Werk dieser Band ist es im Vergleich zu den meiner Meinung nach geringfügig schwächeren anderen beiden Werken (wobei "Salton City" auf "Automatic Midnight" nichtsdestotrotz der beste Hot Snakes- Song ever ist) die beste Empfehlung. Als Ergänzung kann man noch die direkte Vorgängerband Drive Like Jehu erwähnen, die deutlich sperriger daherkommt und deren instrumentallastige Songs, die bisweilen die 9- Minuten- Hürde nehmen, teilweise doch Geduld beim Hören erfordern.

Und ich, ja, ich belasse es diesmal beim kürzesten Text bisher und hoffe, beim ein oder anderen spricht bald die Musik für sich selbst.

[Nachtrag: die Hot Snakes haben sich 2011 wiedervereint und sind gerade auf Tour. Mal sehen, was aus der Geschichte noch wird.]

Montag, 3. Oktober 2011

3. Trend: Navigator

(Erstmals erschienen am 01.02.2008,überarbeitet am 03. 10. 2011)





Trackliste:


1. Bereit!
2. Standortvorteil
3. Gott hat keine Flugzeuge
4. 1970
5. Mann in Uniform
6. Das Ende der Experimente
7. Rue Love
8. Pop Anamur
9. Mehr Rockelemente
10. Was soll's?
11. 5 Uhr morgens
12. Stopf alles rein!
13. Unsere Mission

Erschienen: 2005

Gekauft im: Studio Eins Plattenladen, Karlsruhe, ebenfalls 2005

Band:

Fezer (Gesang)
Peter Lattermann (Gitarre, Synthesizer)
Boris Koch (Baß)
Stolle (Schlagzeug)




Das Leben,

es geht manchmal die seltsamsten Wege.
Zum Beispiel finde ich gute 92% von dem, was an deutschsprachigem Indierock meinen Weg kreuzt, recht grauen- und abszeßerregend.
Da ich die Jungs von Trend aber persönlich kenne, kann man mir deswegen nun ziemlichen Hype unterstellen... denn warum sonst sollte ich ausgerechnet "Navigator" mögen?

Ich habe die (mindestens) letzten 15 Jahre in einem Musikerumfeld verbracht, und könnte sämtliche Lokalhelden hier auf den Sockel hieven, einen begeisterten Orang- Utan- Kult betreiben und die 15 Plätze damit bestücken, ohne daß betreffende Bands auch nur drei Platten mehr dadurch verkaufen würden. Wieso also gerade Trend?

Drehen wir

die Uhr einmal zurück, denn anders geht es mal wieder nicht, und knüpfen biographisch an meinen Slayer- Essay an. Zu jener Zeit gab es in Landau/ Pfalz einen ziemlichen Sumpfladen namens MASH, in dem sich vornehmlich sonntags die alternative Jugend aus den umliegenden Dörfern traf.
Jedes Saukaff in der Pfalz hatte seine zwei bis vier Renegaten, die unter der Woche meistens ihr Leben als Exoten fristeten und von der übrigen Jugend im besten Fall ignoriert bzw. wohlmeinend in Läden mitgeschleppt wurde, in denen man sich mit abweichendem Musikgeschmack fühlte wie auf dem Planeten Orgo.
Dieser Umstand führte dazu, daß sich nicht nur eine riesige, schwer überschaubare und teilweise lose verbundene Clique aus eben jenen Abweichlern bildete, sondern auch eine blühende Subkultur aus Bands mit den immer gleichen Leuten in diversen Kombinationen.
Der Background war anfangs derselbe: alle kamen irgendwie aus dem Hardcore- oder Punkbereich. Pit Lattermann kannte ich noch aus meiner Parallelklasse auf dem Gymnasium, allerdings vom Sehen, und das als ziemliches Spießerkind (ich) und Hafenstraßen- Style- Punk (er)... erst Jahre später sollte uns ein Rollins- Band- Kapuzenpulli ins Gesprach bringen. Boris kannte ich ebenfalls vom Sehen her als ein Straight- Edge- Hardcore- Kiddie, das bei einem damaligen guten Freund von mir in die Klasse ging, und Stolle fiel mir dann später als Stammgast im MASH auf.
Ich verbrachte meine Wochenenden im Proberaum mit einem hilflos zusammengewürfelten Haufen, der unter dem Namen "Contract" firmierte, irgendwelchen Möchtegern- Noise- Hardcore- Scheißdiewandan dahindilettierte und nach zwei grauenhaften Gigs das Handtuch warf.
In der Zeit hatte sich in gut zwei Jahren einiges getan. Die "Szene" hatte sich in zwei Hälften gespalten. Da waren die "Guten", die nach wie vor an linken Idealen festhielten, und die "Bösen", die machten, auf was sie gerade Lust hatten, sich von niemandem mehr hineinreden lassen wollten und den politisch unkorrekten Habitus der AmRep- Bands und frühen Turbonegro adaptierten (ohne jedoch, das muß ich betonen, zu vergessen, auf welcher Seite sie standen, wenn es mal wieder gegen irgendwelche NPD- Treffen in der südpfälzer Walachei ging).
Nach meinem Bruch mit den linken Dogmatikern fiel ich auch automatisch der zweiten Hälfte zu, blieb jedoch in frühen Jahren eher ein Appendix als ein wirkliches Cliquenmitglied.

In beide Hälften entstanden diverse Bands, die es normalerweise im besten Fall zu einer Single und einem Demotape brachten... auf "meiner" Hälfte waren das ganz früh eine Hardcoreband namens Meltdown und eine Death- Metal/Grindcoreband namens Homemade Abortion, deren Humor im Lauf der Jahre irgendwann legendär unappetitlich wurde (was dann bei einem Liveauftritt in einer mit Sense, Babypuppe und einem langhaarigen Basser in Frauenkleidern inszenierten Abtreibung gipfelte), danach eine unfaßbar brachiale Noiserockband namens Scud (eine der besten Livebands die ich jemals- ich betone, JEMALS- gesehen habe) und eine Garagenrockband namens Crime Kaisers, die es sogar ins VISIONS schaffte, aufgrund guter Beziehungen eine Single von Steve Albini produzieren ließ und auf der ersten Deutschlandtour im Café Central in Weinheim im Vorprogramm einer damals noch völlig unbekannten schwedischen Band namens "The Hives" spielte. Und das waren jetzt nur die Bands, an denen einer oder mehrere Mitglieder von Trend beteiligt waren.

Dazwischen lagen jede Menge Sachen, die nun zu sehr ins Private gehen würden... Fahrten zum DYNAMO in Eindhoven, Tage des Donners und adoleszenten Unfugs, jede Menge aller möglichen Konzerte, ein gemeinsamer Urlaub in Biarritz, und man war zwar nie richtig befreundet, kannte sich aber mittlerweile trotzdem recht gut.
Höhepunkt war das alljährlich wiederkehrende Weihnachtskonzert diverser Bands aus unserem Dunstkreis im LOGO in Landau in der Pfalz, und das ist es bis heute geblieben... denn nach dem Ende der Crime Kaisers verlief sich alles etwas, eine Menge von uns kehrten der Provinz den Rücken und zogen nach Berlin, Köln, Karlsruhe oder Hamburg, und einmal im Jahr gibt es dort großes Klassentreffen.

Deswegen

reduzierte sich der Kontakt auf ein- bis zwei eher zufällige Treffen im Jahr, und es war ein Kumpel von mir, der mich auf Trend aufmerksam machte. "Stolle hat eine neue Band", meinte er. Trend also. Beschissener Bandname, aber mal sehen, was da geht. Zunächst einmal nicht viel. "Das Produkt", eine Platte mit zappeligem Neo- NDW- Punk, deutschen Texten und einem hysterischen, mir bislang unbekannten Sänger. Ähm... für meine Ohren, denen ich eigentlich recht wenig derartiges zuzuführen pflege, klang das hektisch, klapprig und auf Plattenlänge relativ nervtötend. "Nicht meine Musik", mußte ich nach einem Hördurchgang feststellen, obwohl zwei, drei ganz nette Songs am Start waren.

Trotzdem schien es, als würden Trend relativ durchstarten. Ein Interview im PLASTIC BOMB, lobende Erwähnungen in INTRO und SPEX, und ich gönnte es den Jungs, denn immerhin machten sie schon lange genug Musik und hatten endlich mal größere Aufmerksamkeit verdient.

Dann, irgendwann 2005, gab es einen unfaßbar entfesselten Auftritt in Karlsruhe.
Eine Band, die auf einem enorm hohen Level alles wegblies und auf der Bühne eine Energie entwickelte, die sogar Skeptiker wie mich mitreißen konnte.
Zwei Songmomente blieben bei mir haften: "Mehr Rockelemente" und die Textzeile "Wir hören das Brüllen der Motoren".
Also was tun? "Navigator" war gerade erschienen, und ich beschloß, das Risiko einzugehen, mir die Platte zuzulegen.
Das Cover war variabel, und man konnte wählen, wen von den Jungs man sich als Titelfigur ins Plattenregal stellen wollte. Also pickte ich mir aus dem LP- Stapel im Studio Eins das sympathisch onkelhafte Bild von Stolle raus (siehe oben), ging mit der LP in mein Stammbistro, um Fußball zu schauen und das ein oder andere Weizenbier zu vernichten, und kam mitten in der Nacht nach Hause. Also, was tun mit dem angebrochenen Abend? Ich beschloß, mir die LP noch reinzutun. Und danach war alles anders.
Irgendwas war über mich hinweggaloppiert, und ich war erst einmal baff und genoß einen Moment die erholsame Ruhe in meiner Wohnung. Eigentlich hätte ich ins Bett gehen sollen, denn es war ungefähr 2 Uhr nachts, und ich hatte am selben Tag noch eine Spätschicht zu absolvieren, aber keine Chance. Also zum Kühlschrank, noch eine Flasche Hoepfner geköpft und die Platte rumgedreht, sowie meinem Kumpel eine SMS geschrieben, daß die neue Trend ein verdammter Brecher ist und er sie sich umgehend kaufen soll. Die Südpfalz Bankertz hatten mich mal wieder im Sack. Schweinebande.

Vor allem,

wie ich immer betonen muß, hätte mich die Platte auch erlegt, wenn ich die Jungs nicht gekannt hätte. Es war einfach exakt der richtige Zeitpunkt, wie später auch bei "Monarchie und Alltag" von den Fehlfarben, die ich mir zulegte, nachdem mich jemand mit dem Nicknamen "oasupp" auf Ähnlichkeiten zwischen beiden Bands aufmerksam machte.
Denn der Opener "Bereit!" prescht schon dermaßen ungestüm um sich schlagend aus den Boxen (das "Brüllen der Motoren", da war es also endlich) mit der simplen, aber genialen Idee kombiniert, den ganzen Song an zwei einzelnen, immer wiederkehrenden Gitarrentönen aufzuhängen, die sich sofort festhaken, so daß man ihn bereits nach dem ersten Hören kaum noch aus dem Ohr kriegt.
Was auch noch ein Merkmal der Platte ist, welches sofort auffällt, sind die Texte. Sie sind relativ simpel und endreimig, was mir (vor allem im HipHop- Bereich) meistens eher unangenehm aufstößt, aber Fezer hat echt ein Gespür für Bilder und zudem noch die Angewohnheit, altbekannte Phrasen, die man im Leben schon bis zur Blödwahnigkeit gehört hat, da sie von allen möglichen Medien- und Autoritätseseln in gräßlich automatisierter Redundanz wiederholt werden, fließend in die Lyrics einzubauen (sehr schön: "Könntest du das nochmal wiederholen? Ich glaube wohl, da hab ich mich verhört." "Was soll bloß aus Deutschland werden? Wenn's nach ihm ging, hieß es einfach 'Rübe ab'. "), daß es einem ein Grinsen entlockt, und das ganze zudem mit allerlei Lautmalereien ("Ah ah uh", "Bababaah" etc. pp. uga uga) aufzupeppen, die perfekt als Hookline funktionieren. Dabei ist das Ganze erstaunlich clever, ohne diesen penetranten "Kunst"- Anspruch plakativ vor sich herzutragen, der mir viele neuere deutsche Bands nicht nur verekelt, sondern- gemessen an ihren schreiberischen Fähigkeiten- mich dazu auch noch ihrer maßlosen Selbstüberschätzung versichert (steinigt mich).

Hooklines: die Jungs haben einfach ein Händchen dafür. In jedem Song findet man eine prägnante Stelle. Im zweiten Song "Standortvorteil", ähnlich geartet wie der Opener, ist es die Textzeile "Du bist nur eine Übergangsregierung, die Chancen stehen gut, daß du überflüssig wirst" ,die sich in den Vordergrund spielt, bei der Single "Gott hat keine Flugzeuge", ein im Vergleich zum Start eher betulich dahinschrammelnder (und meiner Meinung nach auch schwächerer) Song ist es ein simples "Ich weiß es ganz genau",daß sich mit beängstigender Penetranz ins Gedächtnis brennt.
Weiter geht's mit einem leiernden Gitarrenriff, welches "1970" einleitet, einen Song, der wahrlich nichts für empfindliche Gemüter ist und in seiner hypernervösen Art wohl am ehesten an jemanden erinnert, der einen epileptischen Anfall bekommt und dabei eine Treppe herunterfällt.
Aber eine Verschaufpause ist bereits in Sicht, und zwar mit dem Hit der Platte, ein nicht gerade origineller, dennoch herausragender Monolith von einem Song: "Mann in Uniform". Das offensichtliche Gang Of Four- Zitat weist bereits die Richtung: eine von (*Innenhülle rauskram*) Timor Cirak gespielte Darbuka (was immer das auch sein mag, es ist jedenfalls perkussives Getrommel) leitet eine fette, pumpende Baßlinie und einen (*hust*) Mördergroove ein, der die Beine nicht stillstehen läßt. Es tut mir leid, aber wer dazu nicht tanzen kann, ist von den Socken aufwärts tot, auch wenn es heißt "In diesem Titel kein Wort von Disco".
Ein weiteres New- Wave- Punk- Gefrickel ("Das Ende der Experimente", feat. "Bababaaa" und ekstatisch-manischem 80er- NDW- Synthiesolo) leitet zu dem für mich wichtigsten Song über: "Rue Love".
Laut Fezers Aussage im INTRO kam ihm die Idee zum Titel, als er vor einem Club namens True Love stand, bei dem in der Leuchtschrift das "T" ausgefallen war. So weit, so gut. Der Text gefiel mir bereits von Anfang an, seitdem ich jedoch eine Lebenssituation hinter mir habe, auf die er paßte wie der Arsch auf den Eimer, hat er eine besondere Bedeutung für mich:

"Mein Stabilitätspakt, Stabilitätspakt
wird Tag für Tag verletzt
Sanktionen, Sanktionen
ausnahmsweise ausgesetzt
Gut zu wissen, schön zu sehen,
daß anderen sowas auch passiert
Rolle rückwärts, Rolle rückwärts
seh mich um und bin bei dir."


Erstaunlich, daß eine Band, die nach eigener Aussage ihren Texten wenig Bedeutung beimißt, manchmal den Nagel dermaßen auf den Kopf treffen kann. Dazu taucht dann am Ende noch ein Waldhorn (!), gespielt von Harald "Sack" Ziegler auf.
Die B- Seite startet mit "Pop Anamur", quasi dem Titelsong (dank dem "Navigator" im Refrain) gleich wieder durch, mit einem Text, der die ständige Jagd nach den neuesten Hypes beschreibt:
"Zeig mir die neue Idylle, ruder rum um hundertachtzig Grad, Steuer hart backbord, wird langsam wieder Zeit", während "Mehr Rockelemente", eigentlich ein Mitgrölhit vor dem Herrn, von einem völlig vertrackten Rhythmus eingeleitet wird, der das Ganze erstaunlich konterkariert.
Apropos "konterkariert": zu jedem Song was zu schreiben, ist müßiges Gewürge, denn es geht nunmal stilistisch zumeist in eine Richtung, die man entweder mag oder es bleiben läßt.
"Was soll's" und "Stopf alles rein!" sind noch einmal schnelle Smasher, die man auch mögen wird, wenn man die Platte bis dahin mochte, "Unsere Mission" ist der augenzwinkernde Abschluß der Platte, wieder mit Mitgrölrefrain, Waldhorn und der unsterblichen Textzeile "Der Weisheit letzten Schuß hab ich mir eben grad gesetzt, auf einem furchtbar sauberen Klo, da stand schon vorher drauf
"Besetzt",
und was noch aus dem Rahmen fällt ist das nahezu epische Ausmaße annehmende "Fünf Uhr morgens".
Dieses entstand für (ausgerechnet) einen Gunther- Gabriel- Tributesampler (ohne Witz),ist also ein textlich modifiziertes Gabrielstück (der als Titelfigur "Gunther" auch im Text auftauchen darf) und ein auf einer dominanten Baßlinie einbeinig durch die im Text beschriebene Nacht hüpfendes Stück, das eine richtige, zutiefst trostlose Geschichte erzählt, die man nachvollziehen kann, wenn man sich jemals zu später Stunde vor lauter Elend in irgendwelchen Spelunken am letzten Bier festgehalten und sich dabei von irgendwelchen Grenzdebilen die Welt erklären lassen hat.

Somit

ist die Platte zuende und die Zeit für ein Fazit gekommen. Wie diverse Rezensionen zeigen, haben es Trend durchaus nicht einfach. Viele Leute störten sich am "unsympathischen" Gesang und am nervtötend frickeligen 80er- NDW- Einschlag. Umso spannender ist es, was da noch kommen wird, denn die dritte Platte steht in den Startlöchern, diesmal auf einem Major- Sublabel (im Moment noch alles Spekulation, da ich schon länger keinen der Jungs mehr getroffen habe und fragen konnte), und die letzte Single hat mittlerweile via Albert Koch auch endlich mal den Einzug in den MUSIKEXPRESS gefunden.
Für mich ist es natürlich auch großartig und sehr spannend, was aus den Jungs wird, und zeigt auch, daß es eine Art Gerechtigkeit gibt, wenn sich 15-20 Jahre konstantes künstlerisches Arbeiten endlich mal auszahlen... zumal es auch für unsere Region sehr wichtig ist, wenn endlich mal jemand davon überzeugt wird, daß es bei uns nicht nur Hinterwäldler gibt, die kein Deutsch sprechen und mit den Händen rohe Kartoffeln fressen.
Unterdessen bleibt mir "Navigator"... mittlerweile dürfte ich die Platte 40 Mal gehört haben, und sie wächst immer noch und hält Entdeckungen bereit.
Danke, Jungs. Ich freue mich auf's nächste Mal.

[Nachtrag vom 04.10.11: Heidewitzka, fand ich den Text schlecht, als ich ihn in der Urfassung erneut las. Demzufolge habe ich an ihm ebenfalls sehr viel herumgefeilt, -gesägt und -gebastelt, um ihn halbwegs ohne ein immenses Gefühl der Peinlichkeit auf die Menschheit loslassen zu können.
Die Euphorie im absichtlich im Original belassenen Schlußwort hielt leider nicht lange vor...zwar machten Trend mit dem Nachfolger "Vier" tatsächlich Anstalten, endgültig durchzustarten, aber nachdem sich Boris aus gesundheitlichen Gründen aus der Band verabschiedet hatte, kam selbige leider nicht mehr richtig aus dem Quark und ist mittlerweile sanft entschlafen. Schade.]